Schalter betätigt, der Bildschirm vor mir wird mit Buchstaben geschmückt.

Lauter kleine schwarze Striche, Kurven und Punkte. Zwischenräume in Weiß. Graue Fläche umrandet das Rechteck, welches mir ein weißes Blatt Papier vorgaukelt.

Oben kleine Symbole, Bildchen, die etwas bedeuten, das nur zu deuten weiß, der weiß, was sie bedeuten. Kein einziges dieser Symbole erinnert mich an eine Form, die ich aus der Natur kenne.

Oh, was sehe ich? Soll das ein fliegender Vogel sein? Auf einem mit Linien bedruckten Bogen Papier? Als Symbol für das Schreibprogramm, das ich benutze? OpenOffice Writer.

Erst jetzt fällt mir auf, dass "Apache OpenOffice", die kostenlose "freie und offene Bürosoftware", in seinem Markenlabel zwei weiße fliegende Vögel in einen mit hellblauer Farbe gefüllten Kreis gezeichnet hat. Dieses Symbol erscheint unten in meiner "Taskleiste", sobald das Programm geöffnet ist.

Nun hat sich der Ursprung dieses Symbols in meinem Bewusstsein offenbart.

Mit einem fliegenden Vogel assoziiert der Mensch die Freiheit von irdischen Abhängigkeiten. Das Losgelöstsein von Dingen, die sein emotionales Befinden begrenzen. Aus der Vogelperspektive betrachtet wirkt das Treiben auf der Erde wie ein Spielplatz.

Was es alles zu entdecken gibt innerhalb des Monitorrahmens. Jedes Symbol wurde von Menschen erfunden. Die ineinander greifenden Zahnräder für das Menü "Einstellungen". Ein schlichter Kreis für "Mit Cortana sprechen". Habe ich das je getan? Wer ist Cortana?

Der Kreis als Symbol für die Erde, den Kosmos, das Himmelszelt. Geschlossenheit der göttlichen Ordnung. Die Schlange, welche sich in den eigenen Schwanz beißt.

Unendlichkeit. Kein Anfang und kein Ende. Ganzheit. Ewiger Fluss.

Das Wasserglas auf meinem Tisch ist – von oben betrachtet – rund, am Boden eine Scheibe, nach oben hin offen. Das Wasser transformiert sich, ohne in seiner Ursubstanz jemals weniger zu sein als es ist. Ob ich es nun trinke oder auf die Gartenerde gieße.

Ich trinke es, wenn ich Durst habe. Und keiner sagt mir, wann ich Durst haben muss, damit ich es trinke.

OK. Es gibt solche klugscheißenden Ratgeber. Trinke mindestens zwei, besser drei Liter Wasser am Tag!

Die braucht ein Mensch, der sich seiner Sinnlichkeit schämt. Dann besucht er Kurse, liest Bücher, geht zum Psychologen, Heilpraktiker, hält sich einen Coach. Wenn der Herr Professor Doktor heiliger Bimmelbammel es sagt, wird seinen Ratschlägen brav Folge geleistet.

Dem Arzt seines Vertrauens vertraut er mehr als seinen eigenen Sinnen.

"Ihr Standort wird momentan verwendet". Das Symbol mit Punkt in einem Kreis ist schon wieder verschwunden, nachdem es in meinem Aufmerksamkeitsfokus auftauchte.

Da bin ich also. Da, wo der Punkt ist. Im Kreis. Mein Standort. Während ich sitze. Auf einem Stuhl.

Konzentration. Auf die Mitte. Den Punkt im Symbol? Das bin nicht ich. Das ist nicht meine Mitte. Oder doch?

Nur kurz. In dem Moment der Bewusstwerdung bin ich eins mit dem Symbol. Erkenne mich in meiner Situation im Verhältnis zur Welt im eigenen Sein. Selbstbewusstsein.

So geschieht es mit allem sinnlich Wahrnehmbaren. Das sind die Lichtblicke der Erkenntnis. Die himmlischen Geschenke. Wunder. So einfach. Und wahr.

Gottvertrauen.

Die heiligen Bimmelbammels und Spielverderber verdienen mein Misstrauen.

Jutta Riedel-Henck, 29. September 2022

 

aus: "Geldwertgefühl". Werk in der Entstehung: 3. Oktober 2021 – ...