Ein heißer Tag. Das gelbe Postauto fährt, wie an jedem Werktag, von Haus zu Haus. In brütender Hitze. In südlichen Ländern wäre jetzt Zeit für eine Siesta. Der Deutsche wartet. Auf seine Post. Auf die Bahn. Und meckert. Wenn sie pünktlich kommt. Nach Plan. Und wenn nicht. Er meckert. Er liebt das Meckern. Im Kopf ist alles durchgetaktet. Jeder Ton programmiert. Auch die Abweichungen als Möglichkeit integriert. Er ist gefasst. Auf alles. E-Musik. U-Musik. Programm-Musik.

Herzlosigkeit kann man nicht mit Geld kompensieren. Vom Hirn programmierte Herzen. Kein Herz für Kinder. Exklusiv-Herzen für Auserwählte mit Bonus-Vertrag. Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden. Ein Geschäft mit Schlüsseln. Liebes-Schlösser an Brückengeländern. Haben, einsperren, festhalten, umzäunen. Verloren der Schlüssel zum eigenen Sein. Sucht des Suchens nach dem Nicht-gefunden-werden-Wollen. Rentner im Unruhestand. Die einen suchen Flaschen in Mülltonnen. Die anderen basteln im Hobbykeller. Ruhe in Frieden aufgeschoben. Die Trauer der Hinterbliebenen führt die Reise fort. Einsame Herzen baumeln am Schwanz des Fortschritts wie scheppernde Blechdosen an fahrenden Autos. Willkommen im Jammertal.

Deutschland.

Jutta Riedel-Henck, 20. Juli 2022

 

aus: "Geldwertgefühl". Werk in der Entstehung: 3. Oktober 2021 – ...