Den folgenden Text schrieb ich am 20. März 2003 für meinen Newsletter anlässlich des Beginns des Irakkrieges:

Dieses Lied sang ich Anfang der 80er im Buxtehuder Rathaus anlässlich der Verleihung des Literaturpreises „Buxtehuder Bulle“ für das Buch „Der Junge, der seinen Geburtstag vergaß“ von Rudolf Frank. Und ich würde es immer wieder singen, so auch heute. Egal wo!

Ich schaue jetzt aus meinem Fenster. Seit gestern sind dort drüben auf dem Sportplatz der alten Schule grüne Männchen stationiert, grüne LKWs, versteckt unter grünen Planen. Da stehen sie, die Soldaten. Einer hat gerade in sein Brot gebissen. In der ganzen Nacht tuckerte ein Motor. Wahrscheinlich zur Stromerzeugung.  Auch andere beißen in ihre Brote. Die Gewehre geschultert. Es sind Holländer. Eine „Truppenübung“. Ich frage mich: Wo gehen sie aufs Klo, wenn sie mal müssen? Pinkeln ist mir klar, das geht auch so. Oder unterdrücken sie ihre Verdauung? Von hier aus sieht einer wie der andere aus. Und doch hat jeder Mensch seine Geschichte, seine Familie, seine Herkunft, irgendwo ein Zuhause, sicher ein wärmeres als das grüne Zeltlager. Ein Soldat lehnt sich an eine hohe Birke. Kratzt sich am Kopf. Was mag er gerade denken? Menschen. All das sind Menschen.

Wie kalt und dumm müssen jene sein, die einen Krieg befehlen! Die Menschen in den Krieg schicken! Wie kalt und eisern, wie hässlich, herzlos krank, verseucht und lebendig tot. Nicht minder als jene, die sie als Feinde zu bekämpfen suchen.

Was sehe ich da? Eine Frau? Eines der „grünen Männchen“ trägt einen „Pferdeschwanz“. Neutralisiert. Steht ihren „Mann“ bzw. ihr „Männchen“.

Sie greift sich etwas von dem Klapptisch. Nun ist sie von der Bildfläche meines Sichtfeldes verschwunden. Ohne den „Pferdeschwanz“ hätte ich „sie“ nicht bemerkt. Ein Tankwagen verlässt das Lager. Vielleicht war es auch der Dieselmotorwagen für die Stromerzeugung.

Der Klapptisch mit weißen Tüten steht nun menschenverlassen dort. Wer mag für die Magen-Versorgung zuständig sein? Ein Rest von Menschlichkeit.

„Humanitäre Hilfe“ für die „Zivilbevölkerung“. Der Krieg gälte nur dem Diktator. Während ganz Amerika nun eine schwere Zeit durchzustehen hätte. Was für verlogene Phrasen durch die Radiokanäle schleichen, als seien sie die Wahrheit, nichts als die Wahrheit.

Ein Krieg gegen den Krieg wird den Krieg zum Ziel haben und damit kriegerisch enden. Neue Kriege säen. Potenzieren. Aber nicht ohne Ende. Nur dass dieses Ende viele Menschen nicht mehr auf Erden erleben werden. Im Krieg geboren, im Krieg gestorben.

So fällt es leicht, in den Krieg zu ziehen. Und wenn auch manche oder gar viele das für normal halten, ich finde es abscheulich und verachte den Krieg, fordere alle wachen Menschen auf, sich diesem Krieg zu verweigern! Sei er im Herzen, im Geist, im Körper, wo auch immer: Weigert euch!!! Ohne Halbheiten.

Grün ist die Farbe der Hoffnung. Das Grün-Braun der Tarnkappen aber ist die Farbe des verseuchten dreckigen Sumpfes. Wenn ich sie so dastehen sehe auf dem Rasen mit einem letzten Schimmer natürlich gewachsenem Grün, stelle ich erleichtert fest, dass der Unterschied falscher und echter Farben leicht zu erkennen ist. Dafür bedarf es nur offener und wacher Augen.

Das Leben geht weiter!

Jutta Riedel-Henck, Deinstedt, 20.3.2003