Wer sein Selbstwertgefühl an Zahlen koppelt, macht sich selbst zur Nummer. Warum schämt sich kein Mensch? Für diese Entmenschlichung? Warum schämt sich kein Richter, Beamter, Bearbeiter im Umgang mit Menschen, denen sie als Aktenzeichen auf ihren Schreibtischen begegnen? Müssen sie das? Wenn ja, warum? Weil sie vom Staat bezahlt werden? Weil sie selbst eine Nummer sind? Wenn auch eine größere als jene, die in ihren Ablagen landet? Schnelle Nummern ... zack zack, Akte auf, Akte zu, die Nächste, bitte.

Ich könnte das nicht. Mehr noch: Ich will es nicht! Deshalb bin ich keine Lehrerin an staatlichen Schulen. Zensuren. Nummern. Besser, schlechter, aussortiert.

Frauen sollten heutzutage einen Beruf erlernt haben, bevor sie heiraten. Damit sie unabhängig sind im Falle einer Scheidung. Ohne Ausbildung seien die Menschen wertlos. Was für Ausbildungen sind das? Und wo führen sie hin? In das Amt eines Lehrers, Richters, Verwaltungsangestellten? Welche Menschen wie Nummern behandeln, um selbst bezahlte Nummern sein zu dürfen?

Mütter und Hausfrauen werden nicht bezahlt. Sie bekommen Haushalts- und Taschengeld. Arbeiten rund um die Uhr, indem sie da sind für die Familie. 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Auch im Urlaub. 365 Tage im Jahr.

In der Pflege arbeiten überwiegend Frauen, unterbezahlt für ihre mütterliche Fürsorge, die in unserer lieblosen Gesellschaft wertlos scheint.

Bedingungslose Liebe braucht ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ansonsten sind alle bedingungslos Liebenden genötigt, ihr Herz zu versklaven, um Karriere zu machen, ihre Kinder abzuschieben in die Frühbetreuung, den Kindergarten, die Ganztagsschule. Sie setzen ihr Leben aufs Spiel, liebevolle Bindungen, um Geld zu verdienen und die Fremdbetreuung ihrer Kinder bezahlen zu können. Arme kranke grässliche asoziale Welt!

Jutta Riedel-Henck, 21. April 2022

 

 

aus: "Geldwertgefühl". Werk in der Entstehung: 3. Oktober 2021 – ...