Ich bin an allem Schuld.

Was auch immer ich tue, ich mache es schlecht und bin am Ende wieder an allem Schuld.

Alles, was ich tue, ist schlecht. Ich bin schlecht. In dieser Welt. Die ich nicht verstehe. Mit dem Herzen. Nur im Kopf für Momente. Doch dann stockt mir der Atem. Blackout.

Ja, ich bin für euch alle verantwortlich, für alles Unglück, für alles, was euch missfällt. Ich bin dafür verantwortlich, dass ihr in eurem Kopf gefangen seid und euer Herz nicht öffnet. Ich bin schuldig, wenn ihr Angst habt. Ich bin schuldig, wenn ihr leidet. Ich verursache alles Leid in dieser Welt. Und ich bin unfähig, daran etwas zu ändern. Für euch und damit auch für mich. Denn ich lebe in dieser Welt, die mich für alles beschuldigt und verantwortlich macht, die sich auf mir austobt, wenn es ihr mal wieder nicht gefällt, was sie angestellt hat. Denn Schuld sind immer die anderen. Und die Andere, das bin ich. Ich gebe mich zu erkennen als anders, als eigenartig. Ich oute mich. Ich zeige mich. Ich trage keine Maske, ich schreibe aus meiner Seele. Jedes Wort. Jeden Buchstaben. Jeden Punkt. Jede Pause zwischen den Zeichen. Das bin ich. Das ist meine Seele. Und meine Seele ist an allem Schuld. Sie ist Schuld, sie selbst zu sein. Sie ist Schuld zu empfinden und wahrhaftig ins Leben zu gehen. Sie ist Schuld, wenn sie wagt, sich zu äußern. Sie ist schlecht. Meine Seele. Warum? Das weiß ich nicht. Vielleicht, weil ihr sie schlecht macht? Vielleicht, weil ihr sie hasst? Weil ihr alles Wahrhaftige, Herzliche hasst? Ich weiß es nicht. Aber auch das hier, was ich jetzt schreibe, ist schlecht. Alles ist schlecht. Was immer ich tue ist schlecht. Früher oder später haut ihr rein. Mitten in meine Seele. All eure Gehässigkeiten. All eure lebensfeindlichen Lügen. Und ich bin Schuld. An allem. Ich bin Schuld, dass ich lebe. Ich bin Schuld, wenn ich sterben will. Ich bin Schuld, wenn ich schweige. Ich bin Schuld, wenn ich schreibe. Ich bin an allem Schuld. Mein Leben ist eine einzige Schuld. Leben ist schlecht. Leben ist verboten. Leben ist hier nicht geduldet. Leben ist nicht erwünscht. Nur der Hass. Der Hass. Der wird angebetet, verteidigt. Glorifiziert. Der Hass ist unschuldig. Der Hass ist alles. Der Hass ist eure Liebe. Meine ist es nicht. Ich gehöre nicht in diese Welt. Ich bin überflüssig. Ich bin hier falsch. Und ich habe meine Kündigung eingereicht. Bei Gott. Es wird euch ja an nichts fehlen, wenn ich weg bin. Im Gegenteil. Endlich seid ihr frei von mir, dieser unsagbar großen, grenzenlosen Schuld. Die ich trage. EURE Schulden! Nicht meine.

Jutta Riedel-Henck, 24. Februar 2022