Wie oft bin ich schon gestorben? Der Tod war nicht das Ende. Mein Tod war das Ende der Hoffnung. Dass es Liebe gibt. Geben könnte. Also musste ich wiederbelebt werden. Ohne Hoffnung keine Versklavung, kein Suchen, Irren, keine Versuchung, Täuschung, kein Futter für die Lüge.

Bin ich dein Versuchskaninchen? Gott?

Dein Lockvogel? Die Schöne und das Biest?

Horrorfilme sind das.

Was soll dieses Theater? Die großen Helden, Dichter, Denker, Jesus, Heilige. Die Männer. Geschichten schreiben sie. Oder die Geschichte schreibt sie. Göttliche Komödien, Krieg und Frieden, und du? Was ist mit dir? Und deinem Bild, das wir uns nicht machen sollen? Und doch beherrscht es die Welt! Das Bild von dir! Dem großen Geist, der alles sei.

Aber das bist du nicht. Deine Kinder, wenn es denn deine sind, gehorchen dir nicht. Antiautoritäre Erziehung. Alles lässt du durchgehen. Die Menschheit lässt du ins Verderben rennen. Wer sie warnt, wird ausgelacht, niedergetrampelt und vertrieben. In der Verzweiflung kommt man dir nahe. Vielleicht. Kurz vor dem Tod. Vielleicht. Ich beneide die Toten.

Ich habe dir geglaubt. Immer wieder vertraut. Doch jetzt ist Schluss damit! Wo bleibt die Erkenntnis, die durch Seelen dringt, dass sie sich endlich rauswagt? Ans Licht? Nicht durch mich allein! Durch alle! Ich halte meinen Kopf, meine Seele, mein Selbst nicht mehr hin für all die maskierten Lügner und Lügnerinnen! Sie spielen bis zum bitteren Ende und morden anschließend weiter. Kopflos. Herzlos. Amok laufen sie. Alle. Geschäftig. Reden schwingen, Bilder posten, Sprüche klopfen. Wie lange lässt du die Irren noch gewähren? Wo ist sie hin, deine Liebe? Wenn der Tod zum Leben gehört, warum tötest du nicht jene, die deine Liebe töten? Die Liebenden lässt du leiden unter dem Hass der Liebestöter. Und mich lässt du allein.

Wohin soll ich gehen? Bleiben will ich nicht. Denn hier werde ich vertrieben. Es gibt keinen Ort für mich, für die Liebe. Das Böse hat sie nicht verdient. Auch wenn du sagst, die Liebe sei bedingungslos. Alles wird zum Ding.

Was hast du mir alles erzählt. Erzählen lassen. Nichts davon vermag mich zu trösten. Hingehalten hast du mich mit diesen Worten. Die ich selbst gebären musste. Sie sind wertlos.

Ich soll mich von den Dingen abwenden, sagst du. Aber warum bin ich dann hier? Soll ich die Dinge hassen, missachten? All das, um mich herum, das ich in Liebe zu mir holte, soll mir genommen werden, weil ich wertlos bin? Ja, ich bin wertlos. Weil ich bin, wie ich bin. So, wie du mich geschaffen hast, bin ich wertlos. Weil ich ehrlich bin, bin ich wertlos. Sind alle Dinge wertlos? Wie soll ich mich wertvoll fühlen, wenn mir immer wieder Hass entgegenschlägt, der mir den letzten Funken Hoffnung nimmt. Ich komme nicht dagegen an. Bei aller Disziplin. Und ein Dafür zu mir selbst vermag das Außen nicht zu heilen. Es verfolgt und kränkt mich mehr als je zuvor. Worin liegt der Sinn, mich inmitten dieser verpesteten Welt gesund zu halten?

Eine Krise, die uns alles nimmt, um Neues zu schaffen. Warum auf diese Weise? Kennst du nur die schwarze Pädagogik? Dass der Mensch dich fürchten muss? Ja, dich! Denn wir Menschen sind aus dir! Und wir bekriegen uns! Hassen einander. Drohen einander. Bestehlen einander. Du, Gott, müsstest es doch besser wissen! Und wo ist sie, deine grenzenlose Liebe? Wenn wir dich fürchten müssen?

Ich glaubte, du hättest mich geschickt, die Liebe zu lehren. Aber du stehst mir im Weg. Immer wieder. Und lässt mich allein.

Ein Jesus, ein Buddha spricht für dich. Weise Worte. Vielleicht. Was ich zu sagen habe, hatte, ist untergegangen.

Weil ich keine Sklavenhalterin bin?

Sie haben mich vertrieben. Und du hast es zugelassen.

Du lässt zu, dass die Liebe keine Chance hat.

Ich kann hier nichts mehr tun. Mein Gesang ist verflogen. Meine Stimme gelähmt.

Vergiftet haben mich die Liebestöter.

Und du hast zugeschaut.

Weil du weißt, dass ich unsterblich bin? Lässt du mich lebendig leiden? Du meinst, die Liebe wächst an ihren Mördern? Mörderinnen?

Ich bin ein Mensch, vergiss das nicht! Ich bin nicht die Liebe. Ich sterbe unter den Händen der Liebestöter. Weil sie mich für die Liebe halten. Die ich nicht bin. Sinnlose Qualen!

Erlöse mich endlich! Ich habe Angst vor den Maklern der Liebestöter, die sich um mein Haus scharen, durch meine Fenster blicken und den Garten durchtränken mit gierigen Auswürfen. Du hast mich ausgeliefert wie eine Geisel, wo ist deine rettende Hand? Wo sind deine schützenden Engel, die das Schwert ergreifen und den Bestien die Häupter abschlagen?

Ich bitte dich, überreiche den Mördern und ihren Handlangern ihre wohl verdiente Ernte, nachdem sie Hass gesät haben. Lass das hohe Gericht über allen sein Urteil verkünden. Und gib mich endlich frei. Für die Liebe, mein Leben, mein Sein in meinem eigenen Heim.

JRH, 14.1.2021, aus "Liebestöter", unvollendet.