Ich bin keine dies und keine das, solche Rechtfertigungen lese ich häufig. Keine Verschwörungstheoretikerin, keine Impfgegnerin, keine Coronaleugnerin. Nicht links, nicht rechts, schon gar nicht radikal. Querdenkerin? Oh nein!

Wohin führen solche expliziten Abgrenzbekundungen? Sie bestätigen Vorurteile und unreflektiertes Schubladendenken infolge von Angst, sich mit etwas zu befassen, das einem selbst fremd ist.

Es fördert die Spaltungen, statt Türen zu öffnen.

Also: Ich bin radikal, liebe Leute! Total radikal! Oh ja! Mal links, mal rechts, mal geradeaus oder schief im Zickzackkurs. Radikal, von der Wurzel her, tiefgründig statt oberflächlich husch husch husch mal hier mal da. Und Verschwörungstheorien? Sind Theorien. Wer, bitte, denkt nicht? Wer ist also kein Theoretiker? Aller Praxis geht das Denken, die Theorie voraus, bis sie sich physisch manifestiert. Verschwörungen sind mir zutiefst vertraut! Ihnen nicht?

Coronaleugnerin? Hmmm … ich bin auch hier ehrlich: Selbst, wenn ich einen Schnupfen hätte und Husten, ein Teststäbchen eingetaucht in was auch immer für eine Suppe, irgendein Fensterchen mit Strich hier oder da in welcher Farbe auch immer anschaue, dann habe ich einen Schnupfen und Husten, ein Teststäbchen eingetaucht in irgendeine Suppe, sehe in einem Fensterchen einen Strich in irgendeiner Farbe. Was das bedeutet? Das, was andere mir sagen? Ich hätte Corona? Nein, ich habe dann einen Schnupfen und Husten und all das, was ich selbst subjektiv wahrnehme. Da kann mir gerne so ein Klugscheißer kommen und behaupten, das hieße soundso und sei ganz sicher und die Diagnose sei wissenschaftlich erwiesen, Fakt, Fakt, Fickt meinetwegen noch dazu. Na und? Ich habe nach wie vor Schnupfen und Husten. Das hatte ich schon so oft in meinem Leben, ohne mir einen Kopf zu machen, wie dieses Virus heißt. Geben Viren sich selbst einen Namen? Sicher nicht. Es sind immer nur Menschen, Menschen, die sich besser fühlen, wenn sie etwas benennen, katalogisieren, einordnen, sortieren, vergleichen … Dürfen sie gerne. Also jene, die das gerne tun. Ich brauche das nicht für mich. Ich lasse allen die Freiheit, dies und das so oder anders zu nennen. Und ich nehme mir die Freiheit, dass es mir scheiß egal ist.

Selbstverständlich huste ich niemand an, so oder so nicht. Selbstverständlich halte ich Abstand, bleibe zu Hause, um mich zu pflegen, bis es mir wieder besser geht. Keine Frage. Bei jedem Schnupfen.

Ich kenne Corona nicht. Ich kenne nur Menschen, die davon sprechen, drüber schreiben, Bildchen verbreiten, wissenschaftliche Arbeiten … dürfen sie gerne. Aber ich bin ich und nicht diese Menschen. Und ja, natürlich, ich sehe auch Menschen, die husten und schniefen und hecheln und ätzen und kreischen und ich weiß nicht was noch … Warum sie das tun? Ich weiß es nicht. Und ich brauche keine Etiketten, die ich dann verteile, um mir vorzugaukeln, ich wüsste es, ich hätte sie alle im Griff, ich sei Frau Klugscheißalleskenner und wollte, könnte sie alle retten.

Dieser Gott-in-Weiß-Ärzte-Wahn geht mir schon mein Leben lang auf den Keks! Ich steh halt nicht auf Ärzte! Daran wird sich auch nix ändern.

Bin ich Impfgegnerin? Gegnerin? Heißt das, wenn ich sage nein, dass ich für Impfungen wäre? Ist das nicht scheiß egal? Für andere? Soll doch jeder für sich selbst entscheiden und nicht schauen, ob ich für oder gegen was auch immer bin. Du meine Güte … Entscheidet selbst, Leute! Verantwortet euch selbst! Bildet euch selbst! Und hört auf, wen auch immer zu vergöttern! Werdet erwachsen!

So einfach ist das.

Jutta Riedel-Henck, 27.12.2021