Jutta Riedel-Henck

Ego-Tam-Tam

Ich mag nicht mehr. D. h. ich mag kaum mehr lesen, was andere schreiben über Egoismus, Narzissmus oder gar Liebe.

Narzissmus wird mit Egoismus gleichgesetzt. Egoismus gilt als böse. Die Egolosigkeit als heilig und menschenfreundlich, womöglich gar Basis von bedingungsloser Liebe oder Hingabe.

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Am Anfang war kein Wort

Das Blatt ist weiß, und nur ein Gedanke kreist in meinem Ich: Gibt es noch Worte, die des Niederschreibens wert sind?

Wurde nicht alles bereits gesagt, geschrieben, in unendlich scheinenden Variationen wiedergekäut, um alle erhofften Lösungen mit verbalen Alt-Lasten in die Tiefe der Seele zu drücken?

Bleiern die Worte, die ich lese, höre – in mir der Wunsch nach Befreiung aus dem Gefängnis der leblosen Sprachformen, die mit Gefühlen überfüttert werden, um sie anschließend in den Kühlschrank zu stellen.

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Mainstream

Wer etwas auf sich hält, enthält sich dem Hauptstrom aktueller Moden und gründet eine Zweigstelle. Originell, eigenartig, neu soll sie sein, sich deutlich vom Chef-Fluss unterscheiden, kulturelle Maulwurfsarbeit leisten, Tabu-Zonen erobern.

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Kontrollfreaks

„Ich würde dir deine Krankheit abnehmen, wenn ich könnte“ – so heißt es nicht selten aufopferungsvoll in Gesprächen zwischen Menschen über persönliches Leid, von dem offenbar geglaubt wird, dass es sich weder ändern noch lösen ließe.

Natürlich weiß der so Redende, dass ihm diese Übernahme nicht möglich ist. Ob er es wirklich täte, wenn doch?

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Die Abschaffung der Krankheit

Wenn unser Geist die Materie bestimmt, unser Denken den Zustand unseres Körpers, dient jede gedankliche Beschäftigung mit Krankheit ihrer Pflege, ihrem Erhalt, ihrer Verstärkung. Warum also scheinen manche bis viele Menschen geradezu Gefallen daran zu finden, über Krankheiten zu sprechen und schreiben, sie unentwegt zu thematisieren, sie gar als Anlass zu nehmen, kommunikative Bänder zu knüpfen infolge eines Bedürfnisses, miteinander zu reden (bzw. schreiben)?

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Bedingungslos?

Kürzlich kam mir in den Sinn, dass sich die Menschheit zur Zeit in der Phase ihrer Pubertät befindet.

Die Deutschen haben eine Bundeskanzlerin, die in der Mutterrolle gefordert und angegriffen wird. Wenn ich zurückblicke, sehe ich mich in einer ähnlichen Rolle, die ich einst fraglos ausfüllte, um mich zunehmend davon zu lösen.

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Leben und leben lassen

Während ich beim Staubsaugerbehälterausleeren über einen Titel nachdachte für den Text, den ich aus meinen aktuellen Gedanken zu kreieren wünschte, entdeckte ich die Mehrdeutigkeit von „leben lassen“, die den Kern meiner Beobachtungen auf den Punkt bringt.

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Wahre Schaffensfreude

Wenn ich mich hier und da in der Öffentlichkeit äußerte und dabei Begriffe anwandte, die in „der“ Psychologie einen großen Stellenwert einnehmen, fühlte ich mich wie ein Kind, das gewagt hatte, aus seinem inneren Empfinden heraus Gedanken zu entwickeln, um damit Reaktionen zu provozieren, die diese Art des Denkens und Formulierens abwerteten. Dann hieß es, das und jenes würde aber laut Definition solches und anderes bedeuten, und dies in einem Tonfall, der mich fühlen ließ, dass ich etwas Verbotenes, Falsches, Schlechtes getan hätte. Sogleich spürte ich ein großes Macht-Gefälle: Die Studierten, Akademiker mit ordentlichem Abschluss von Diplom bis Doktor, womöglich einem öffentlich angesehenen Image in irgendeiner Funktion als Professor, Therapeut ... Soundso, erfolgreicher Sachbuchautor eines großen Verlages, glaubten sich offenbar in Sicherheit mit ihrer Handhabung des entsprechenden Begriffes. Mehr noch, schien er ihr ureigener Besitz zu sein, über dessen Gebrauch nur sie zu bestimmen hätten.

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Positives Denken

Über das positive Denken gibt es viele Missverständnisse. Das größte, über das ich immer wieder stolpere, ist, mit Gedankengewalt etwas schön zu reden, was einem im tiefsten Inneren missfällt.

Dann werden still, leise oder auch laut Affirmationen gebetsmühlenartig aufgesagt, die das schlechte Gefühl in ein gutes verwandeln sollen.

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