Jutta Riedel-Henck

Mainstream

Wer etwas auf sich hält, enthält sich dem Hauptstrom aktueller Moden und gründet eine Zweigstelle. Originell, eigenartig, neu soll sie sein, sich deutlich vom Chef-Fluss unterscheiden, kulturelle Maulwurfsarbeit leisten, Tabu-Zonen erobern.

Gewappnet mit einer Dosensammlung Mainstream-Igittigitt-Spray in den Farben Pink, Orange, Neon, Schrill-Grün, Kack-Beige, Metallic-Quecksilver-Blue und Katzenstreu-Weiß markieren die Filialbetreiber das viel bewanderte Verkehrswegenetz, um das Aufmerksamkeitsdefizit ihres Schattendaseins medial zu überwinden.

Dass die Macht des Hauptstroms darin besteht, Baumstamm zu sein, dessen die Äste bedürfen, um mit dem Wurzelwerk verbunden Energie zu tanken, lässt manch einen Filialisten in seiner Trotzkiste mainstreamvernichtende Sprengsätze bauen, welche sich mangels Erdung von selbst entzünden und seine sinnlose Beziehungsarmut spurenlos verpuffen lassen.

Kreativsein um der Kreativität Willen entgegen dem Mainstream bildet den Mainstream unserer Zeit, es wird gelacht und geknobelt, gedichtet und gejodelt, trainiert und gecoacht bis zum hyperaktiven Filial-Finale, während sich die dem Kreativitätswahn verschriebenen Verästelungskünstler verbinden, verknoten, Verkehrsadern abschnürend im Jammertal ihres Unverstandenseins zusammenschließen, ohne zu wissen, welcher Struktur es bedarf, um gemeinsam zu wachsen und reifen.

Hätten sie nur einmal gefragt, wer das ist, dieses allseits verpönte strömende Haupt unserer Zeit! Die Suche nach einer Antwort offenbart den Feind als Phantom und Folge geistiger Unbeweglichkeit im Kampf gegen den Strom, dem wir alle entspringen und dessen Energie wir bedürfen, um aus den Quellen unseres gemeinsamen Daseins zu trinken.

Jutta Riedel-Henck, 2.11.2007