Jutta Riedel-Henck

Verantwortung, Selbstreflexion und Bewusstsein

Das Wort steht im Mittelpunkt der Verant-Wort-ung. Viele Menschen sind sich gar nicht bewusst, dass auch Worte, die sie nicht aufschreiben oder aussprechen, Gedanken speichern und mit anderen Gedanken bzw. Worten verbinden, um für ihr eigenes Leben ver-bindlich zu wirken.

Die Gedankenwelt jedes Einzelnen ist ein Netzwerk aus Worten, ohne die das Denken haltlos wäre.

Bewusstsein bedarf der Selbstreflexion über das eigene Denken. Wer es wagt, dem eigenen Denken sicht- oder hörbaren Ausdruck zu verleihen, begegnet im Außen möglichen Reaktionen auf das Geäußerte. Oft höre ich Menschen antworten, wenn ihnen eine Reaktion nicht gefällt: Das habe ich nicht so gemeint, das war mir nicht bewusst. Du liest da etwas rein, was ich nie so gesagt habe.

Dieser Antwort kann man im Grunde nichts entgegenhalten. Natürlich liest jeder Mensch aufgrund seines eigenen Denksystems im Außen alles, was er wahrnimmt, und dies infolge seines ganz speziellen, individuellen Filters, auf seine Weise.

Ich selbst finde es unbefriedigend, mich mit solch einer Antwort „aus der Affäre“ zu ziehen. Denn wenn ich etwas anders gemeint habe als der Angesprochene, mir dies erst bewusst wird im Augenblick der unerwarteten oder unangenehmen Reaktion, ist mir das ein Zeichen, dass ich meinen persönlichen Horizont zu erweitern habe, anderenfalls würde ich meinen Wortschatz und seine Verknüpfungen als einmal geschaffenes Muster verteidigen, pflegen, imprägnieren, konservieren und dogmatisch daran festhalten, meiner Entwicklung, meinem Wachstum, Fortschritt – Lernen selbst im Weg stehen.

Verantwortung dient somit meiner eigenen Lebensfreude. Wenn ich das, was mir widerfährt, auf eine gewinnbringende Weise in mein System einbauen kann, begegne ich dem Außen mit größerer Gelassenheit aufgrund meiner zunehmenden Erfahrung und der Bereitschaft, meine Software, mein Denkprogramm stets zu aktualisieren.

Es gibt Muster in meinem Denknetz, die mir hartnäckig zusetzen und für mich schwer zu verwandeln sind. Eines dieser Muster möchte ich „Mutterrolle“ nennen.

Gewiss, wir alle unterliegen besonders in der ersten Lebenszeit den ungefilterten Einflüssen unserer Nächsten, den Eltern, Geschwistern und anderen für das Kind zunächst lebenswichtigen Bezugspersonen. Statt uns von Anfang an bewusst selbst zu programmieren, werden wir programmiert, und die Programmierer sind sich dessen, wenn überhaupt, nur zu einem geringen Teil bewusst.

Obwohl ich mir speziell dieser Mutterrollen-Programmierung in jungen Erwachsenenjahren bewusst wurde und ihre Herkunft nachvollziehen kann, leide ich nach wie vor unter den Folgen, wenn ich mich bewusst weigere, die Mutterrollenmuster zu bedienen. Natürlich ließe sich dieses Problem „rechtfertigen“ durch gesellschaftliche Verbreitung und historische Prägungen. Aber was würde es mir helfen, wenn ich überall nach Gleichnissen suchte, nach Mehrheitsverhältnissen, um mich damit zu trösten, dass es vielen so oder ähnlich geht? Was anderes würde ich damit bedienen als die Klischees, die ihrerseits Muster sind, welche der Änderung bedürfen, um sie wahrhaftig hinter sich zu lassen?

In unserer Welt werden hingabevoll Etiketten verklebt, insbesondere das Krankheits- bzw. Gesundheitssystem scheint von dieser Art der „Diagnosenstellung“ zu existieren, ohne den Wurzeln des Übels auf den Grund zu gehen. Selbst so genannte alternative Heilverfahren wie die Homöopathie beruhen auf dem Umgang mit Mustern, die Handbücher werden dicker und dicker, Behandlungsstrategien vielfältiger, für den Einzelnen kaum mehr nachvollziehbar.

Der Arzt, Therapeut, Helfer oder Lehrer orientiert sich an den Problemen jener, die ihm begegnen, er selbst bleibt hier „gerne“ auf der Strecke – früher oder später. Seine Aufmerksamkeit dient dem Außen und selten dem eigenen Ich, das von seinem individuellen Netzwerk gestaltet wird.

Die Erkenntnis mag unbequem sein: Wenn ich im Außen etwas wahrnehme, leide ich nur deshalb darunter, da ich zu dem Wahrgenommenen in einer Beziehung stehe, um in diesem Verhältnis eine Rolle einzunehmen, die darauf ausgerichtet ist, das Andere in den Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stellen. Womit wir bei der Mutterrolle wären, die Männer und Frauen gleichermaßen betrifft.

Welches Kind aber steht gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer, ihm vermeintlich „vorgesetzter“, „höher stehender“ Personen? Umgekehrt: Welches Kind strebt nicht von Anfang an danach, alles selbst zu entdecken, zu erfühlen, ertasten, begreifen, auszuprobieren, erleben, kurz: sich selbst zu verantworten? Worunter leidet ein Kind, das beim Laufenlernen hinfällt? Leidet es überhaupt?

So weit ich zurückblicken kann: Ich litt (und leide) immer nur unter den Bemerkungen, Kommentaren, Reaktionen sich sorgender Personen, insbesondere ausgesprochenen Warnungen im Vorfeld, emotional gefärbt mit Angstgefühlen und bemitleidenden Gesten.

Im Aufmerksamkeitsfeld sich sorgender Menschen, in deren Köpfen diverse Muster von ablaufenden Unfällen oder gar Katastrophen abgespult werden, verliert das Kind die Freude am Fühlen, Sich-Vortasten aus eigenem inneren Wollen, freier Neugier und Lust am Erfahren. Wann spüren wir einen Schmerz? Beim Hinfallen? Oder wenn wir auf die Wunde schauen in Begleitung einer hysterisch kreischenden Person?

Wenn ich mich in den Finger schneide, spult sich in meinen Gedanken sogleich ein altes Muster ab: Wunde, schlecht, böse, Angst, schrecklich, Unfall ...

Da ich heute aber weiß, dass meine eigene Wahrnehmung des Vorfalles bewertet wird nach einem Programm, das ich nicht selbst geschaffen habe, dass es dazu sinnvolle, angenehme Alternativen gibt, nehme ich solche Unfälle als Anlass, um mich darin zu üben, bewusst andere Gedanken ins Spiel zu bringen. Dabei hilft es, die Wunde zunächst rasch mit einem Pflaster zu verdecken. Nun erkenne ich die negativen Gedanken als störend und entscheide mich absolut bewusst für Gedanken, die mich in eine positive Richtung lenken. Ich stelle mir vor, wie wunderbar die Zellen arbeiten, um Wunden in kurzer Zeit zu verschließen, wie großartig die Natur uns ausgestattet hat, was alles von alleine geschieht in unserem Körper, ohne, dass wir uns je haben Gedanken machen müssen, wie er das anstellen soll.

Auf solchen Wegen der Reflexion über Worte ist mir einst die Verwandtschaft der beiden Wörter Wunden und Wunder aufgefallen.

Nicht anders als im Umgang mit Wunden hielt und halte ich es mit der Mutterrolle, die ja in erster Linie mir selbst gilt und der Art und Weise, wie ich mich hüte, pflege bzw. selbst Kind sein lasse. Ob ich mich überbehüte, mit sorgenvollen Gedanken durchs Leben leite oder darauf verlasse, dass ich bzw. meine Aufmerksamkeit immer da ist, wenn ich sie brauche.

Alte Prägungen lassen sich wohl nicht wirklich aus dem Gedächtnis löschen. Aber im Muster des eigenen Denksystems erweitern, neu zusammenfügen, so dass ihre Größe, Schwere und damit Macht als Teil im großen Ganzen an (Über-) Gewicht verliert, um eines Tages als unwesentliche Marotte irgendwo in der Schublade verschwunden zu sein, die aufzuziehen ich kein Bedürfnis mehr habe.

Jutta Riedel-Henck, 28. Mai 2016