Jutta Riedel-Henck

Liebe, Autonomie und Bindung ...

Liebe, Autonomie und Bindung, Freiheit – geht das zusammen?

Erst kürzlich hörte ich in einem Vortrag eines Wissenschaftlers den Hinweis, dass Autonomie und Bindung gleichermaßen wichtig seien für eine gesunde Entwicklung des Kindes.

Mit Bindung ist hier die Bindung an Menschen gemeint, Mutter, Vater, Bezugspersonen. Die Bindung spielt aber nicht nur in der Kindheit eine große Rolle, sie ist eine zentrale Komponente in jeder Art von Partnerschaft.

Bindung und Autonomie, Freiheit und Gebundensein, ist das unter einen Hut zu bekommen?

Wenn ich mich umschaue und meine eigenen Erfahrungen sprechen lasse, muss ich dies mit einem klaren Nein beantworten.

Aber was genau verbindet Menschen miteinander? Warum brauchen Menschen Bindungen, während sie gleichfalls autonom und frei sein wollen?

Ist eine Bindung zu anderen Menschen die Grundlage für das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit? Da ebenso Ängste entstehen, dass diese Bindung gestört werden könnte, verbirgt sich immer auch das Gegenteil im Verbundensein mit anderen.

Zum Gefühl der Liebe gesellt sich das Gefühl des Hasses. Zum Gefühl der Zuneigung das Gefühl der Abneigung.

In einem Buch las ich von Liebe, die der Autor definiert als etwas, das auf andere Menschen bezogen ist, und er meint, Liebe sei, wenn jemand andere Menschen mehr liebte als sich selbst. Das scheint mir eine verbreitete Einstellung zu sein. Liebe sei, was zwischen Menschen geschehe, durch Menschen, die in Beziehung zueinander stünden. Beziehung, die durch Liebe existiert, gefördert oder verhindert würde, eine gewissermaßen aktive Tat, die der Mensch in der Hand hätte, er könnte lieben oder nicht lieben, offen sein für Liebe oder Liebe verweigern.

Bei alledem wird von einem Ja oder Nein ausgegangen, einem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein, Tun oder Nichttun, Fühlen oder Nichtfühlen. Ist das Liebe?

Die Liebe wird zu einem Ding, einer Sache, objektbezogen, abhängig von dem, was ich im Außen finde und vor allem „wie“ ich es finde, bewerte.

Von lieblosen Menschen wird gesprochen, von verlorener Liebe, großer (selten kleiner) Liebe, viel und wenig Liebe, einziger Liebe, ganzer (selten halber) Liebe, erster und letzter Liebe, heißer (selten kalter) Liebe, neuer, junger und alter Liebe, echter, wahrer oder falscher Liebe, freier oder erzwungener Liebe, glücklicher und unglücklicher Liebe, heimlicher und offener Liebe, enttäuschter Liebe, gefährlicher Liebe, dramatischer Liebe ...

Wer von seiner großen Liebe spricht und damit seine Beziehung zu anderen Menschen bewertet, bedarf des Vergleiches zu kleineren Lieben. Ist mit seiner großen Liebe eine konkrete Person gemeint, gilt für alle anderen Personen, mit denen er in Beziehung steht, die „kleinere Liebe“. Wenn Liebe etwas Gutes, Schönes, Wertvolles sei, ist großes Lieben wertvoller als kleines Lieben. Sind „groß Geliebte“ besser als „klein Geliebte“.

Im Zeitalter des Internets offenbaren unzählige „Begegnungen“ von Personen, die über verbale Sprache und Bilder miteinander kommunizieren, wie die Wahl der Worte dazu beitragen kann, ob sich der Kommunikationspartner wertvoll oder wertlos fühlt, geliebt oder gehasst.

Wenn Menschen so abhängig sind von den Worten, die sie gebrauchen, warum denken sie verhältnismäßig selten über deren Bedeutungen nach? Statt vorauszusetzen, ein Wort sei allgemein- und immergültig, so unumstößlich objektiv wie das, was mit dem Wort verbunden wird?

Die Menschen fühlen sich miteinander verbunden über Dingliches. Ebenso droht ihre Verbundenheit durch Dingliches gestört oder getrennt zu werden.

Das „Band der Liebe“ lässt sich durchschneiden. Aber womit? Durch wen? Wann? Wer bestimmt, wie lange „eine Liebe hält“? Muss ich dafür arbeiten? Etwas opfern? Muss ich aufpassen? Etwas schützen, verteidigen? Muss ich mich wappnen gegen mögliche Feinde? Besteht gar die Gefahr, dass es neben der „großen Liebe“ eine noch größere gibt? Einen „besseren“ Menschen?

„Was hat sie, das ich nicht habe?“ (1)  Die Welt der Schlager, Pop- und Rockmusik bis hin zur „Klassik“ offenbart einen steten Kampf um die Liebe bzw. das Gefühl, den Glauben, geliebt zu werden und diesen Zustand anzustreben durch die Fokussierung auf eine einzige Person. Während sich Tamino, der Prinz aus der „Zauberflöte“ von W. A. Mozart, auf das Bild von Pamina fixiert, verfolgt von dem vermeintlich Bösen, personifiziert durch die Königin der Nacht, geht es in dem alten deutschen Schlager „Für eine Nacht voller Seligkeit“ (2) aus dem Jahr 1933 deutlich lockerer zu, wenn es heißt: „Wenn man fragt, wer mir gefällt, dann gesteh’ ich ein: Heute der und morgen der, denn Abwechslung muss sein!“

„Wer mir gefällt“. Hat Liebe mit Gefallen zu tun? Und was ist das überhaupt? Gefallen?

Wann gefalle ich wem und warum?

„Gefällt mir“ – „Gefällt mir nicht mehr“ lauten zwei Optionen im sozialen Netzwerk Facebook. Habe ich Hunger, gefällt mir vielleicht ein frisch gebackenes Brot, bin ich satt, gefällt das Sofa, um mich darauf auszuruhen. Ist mir zu warm, gefällt mir ein kaltes Getränk, wenn ich friere, gefällt mir heißer Tee. Ist das im Umgang mit Menschen anders? Wer einem Menschen total verfallen ist, hat kein Interesse an Alternativen. Doch selten (oder nie) ist diese konkurrenzlose Hingabe von Dauer.

Die Liebe wird gefeiert, betrauert, geheiligt, bedauert, geschenkt, erkauft, erhofft, erwartet, vermisst, gesucht, gefunden, besiegelt, verlangt, begraben, entzündet, gewagt, verdient, vollzogen.

So viel von ihr gesprochen, geschrieben und gesungen wird, was die einzelnen Menschen wirklich mit Liebe verbinden, darunter verstehen, wie sie empfinden, fühlen, denken, blieb mir bis heute ein Geheimnis.

Und wie sieht es mit mir selbst aus? Was ist für mich Liebe? Auch darauf habe ich keine eindeutige Antwort. Je mehr ich von oder über Liebe lese, die Menschen von ihr sprechen höre, desto ferner erscheint mir die Empfindung dessen, was ich als Zustand für mich anstrebe, den ich nun bewusst nicht als Liebe bezeichne. Wunschlose Glückseligkeit?

Dieser von mir angestrebte Zustand ist frei von Bindungen an Äußerlichkeiten, Dinge, Menschen, Personen, Tiere ... Es ist reines Empfinden, In-sich-Sein, ohne Wahrnehmung eines Außen, Grenzenlosigkeit, ohne Suche nach Halt, ohne Bewegung bzw. Bewegen-Wollen, ohne Drang und Streben zu etwas hin oder von etwas weg, richtungslos, ohne Zeit- und Raum-Wahrnehmung.

Das Bezogensein auf andere Menschen strebt diesem Zustand entgegen. „Liebe“ in Verbundenheit mit Menschen, Personen habe ich hier eher als Gefährdung erlebt denn als Förderung. Denn wie sollte ich für mich selbst sein, in mir ruhen, wenn im Außen die Möglichkeit lauert, mich zu verdinglichen, überschüttet mit Erwartungen, in eine Rolle gedacht, die dem anderen gefällt, ihn zu enttäuschen, wenn mir die zugedachte Rolle missfällt und ich mich weigere, sie kritiklos mit meiner Seele zu erfüllen?

Liebes-Beziehungen, die ich erlebte, endeten im Kleinen wie im Großen in Machtkämpfen infolge meiner Weigerung, dem anderen total zu verfallen. Liebe, so schien mir, wurde gleichgesetzt mit der Selbstaufgabe, der Auflösung jeglichen individuellen Glaubens und Denkens, wobei die Vorwürfe des anderen darauf hinausliefen, dass ich etwas gesagt, geschrieben, geäußert hätte, was dem anderen missfiel. Liebe, so schien mir, wurde verstanden als Harmonie, als Gleichklang zweier Personen, wobei der Gleichklang nur funktionieren könne, wenn ich mir verkniff zu sagen oder schreiben, was dem Klanggeschmack des anderen zuwiderlief.

Ein Wechselspiel zwischen Autonomie und Bindung, Einsam- und Gem-einsamkeit, schien ohne Beschuldigung und vorwurfsvoller Abwertung meiner Person nicht möglich. Es folgte ein immer gleiches Muster im Verhalten des/der anderen. Mein eigenes Streben nach Autonomie, In-mir-Sein und damit Unabhängigkeit ließ ich mir nicht nehmen. Ich verstand und verstehe bis heute nicht, warum viele Menschen ihrerseits kein Bedürfnis nach Autonomie empfinden und das Heil darin erkennen, wahrnehmen, um es im Selbstgenuss ebenso jedem anderen zu gönnen und lassen. Stattdessen streben die vom Partner vermeintlich Abgelehnten oder Verlassenen nach neuen „Liebesobjekten“, um sie auf subtile Weise vorzuführen, als wollten sie sagen: Die ist besser als du! Sie gefällt mir! Wenn du endlich tust, was mir gefällt, will ich evtl. wieder freundlich zu dir sein.

Manipulationen, so intelligent sie auch getarnt sein mögen, vertreiben den freiheitsliebenden Menschen und ziehen ihrerseits manipulierende Partner an, die ihre persönlichen Ansprüche und Bedürfnisse vom anderen erfüllt sehen möchten. Die Krieger finden einander wie die Freiheitsliebenden.

Wenn letztere auch in der Minderheit zu sein scheinen.

So kommt es, dass ich gerne allein durch die Natur spaziere, mit Tieren und Pflanzen spreche, den Wolken und Steinen, mich über „zufällige“ Begegnungen freue, die ohne Erwartungen und Enttäuschungen wie natürliche Wellen durch den Tag geleiten.

Das Leben, Hier-Sein, So-Sein, fern von Rollen, die mir, ohne, dass ich es beeinflussen kann, zugedacht werden, zu bewahren und genießen, ganz unspektakulär, einfach – und schön.

Jutta Riedel-Henck, 19. Mai 2016

 

(1)   Musik und Text: Ralph Siegel, Bernd Meinunger, 1979.

(2)   Musik: Peter Kreuder; Text: Günther Schwenn, 1940.