Jutta Riedel-Henck

Das Helfersyndrom

Ich weiß nicht, woher die Tendenz kommt, dass Menschen dazu neigen, sich im Helfen zu verausgaben, während sie selbst Probleme haben, für sich und durch sich allein glücklich, gesund und zufrieden zu sein.

Wo auch immer ich hinschaue, scheinen Menschen zu glauben, dass ihr Glück von anderen abhinge, deren Wohlsein, Wohlwollen, Dasein.

Wäre dem so, die Welt hätte längst untergehen müssen. Denn in solchen unabänderlichen Abhängigkeiten eines geschlossenen Systems gäbe es keine Freiheit, derer es bedarf, um wahrhaft Neues zu schaffen, schöpferisch und kreativ für das zu wirken, was einem wichtig und wertvoll ist.

Wer wie ich die Freiheit des Einzelnen sieht, um auch und vor allem entgegen den Vorstellungen seiner Nächsten zu denken, reden, schreiben, handeln und leben, wird verurteilt als rücksichtsloser Egoist, der sich nicht genug um andere kümmerte.

Dabei schaue ich auf meine Kindheit zurück, in der ich nichts anderes tat, als darauf zu achten, was meine Nächsten von mir brauchen, um nur ja keine Unsicherheiten zu erzeugen.

Beliebt war ich bis in mein Erwachsenensein, wenn ich mich in andere hineinversetzte, ihnen meine Stimme schenkte, das Gefühl, verstanden zu werden. Je mehr ich dies tat, desto weniger änderte sich an den Problemen der Menschen, denn es gefiel ihnen, auf diese Weise mit mir verbunden zu sein.

Mir gefiel es nicht. Ich litt unter der Reglosigkeit, der sich rasch einschleichenden Routine bis hin zur Zwanghaftigkeit, da es am Ende nur noch darum ging, Bestätigung zu finden in meinen Worten und Reaktionen. Mein eigenartiges Ich blieb dabei auf der Strecke. Sobald ich die ersten Schritte tat, um eigene Wege zu gehen, mich aus diesem Spiegelverhältnis zu lösen, zu offenbaren, dass ich anders bin und sein will, wurde ich bekämpft.

Die angewandten Strategien waren vielfältig. Ich habe viel gelernt und bin heute zu dem Ergebnis gelangt, dass kein Mensch in seinem Tun und Lassen absichtslos oder gar ohne Bewusstsein ist. Sein gesamtes Handeln zielt darauf, das eigene Ego, Ich, Selbst nicht nur zu behaupten, sondern mehr noch überall gespiegelt zu finden.

Ein Mensch, der glaubt, ein anderer Mensch bedürfe seiner Hilfe, um sich besser zu fühlen, hilft nicht dem anderen, sondern sich selbst. Er glaubt, sich besser zu fühlen, wenn der andere sein Bedürfnis bzw. dessen Befriedigung zurückspiegelt.

So ist es schwer zu ertragen, sich am Essen zu erfreuen, während ein Mitbewohner sich im Hungern übt. Es ist schwer, sich seiner Gesundheit zu erfreuen, während ein Mitbewohner krank ist. Allzu schnell führen solche Verhältnisse dazu, dass sich der eine dem anderen beugt, die Freude am Essen versiegt und der Gesunde sich hilfsbereit dem Kranken zuwendet, um alsbald selbst einer Krankheit zu erliegen.

Geteiltes Leid wird zu doppeltem Leid. Warum wird so selten die Freude an Essen und Gesundheit geteilt und somit verdoppelt?

Ich meine, es liegt an den herrschenden Glaubenssätzen, dass Krankheit und Unglück einer Ungerechtigkeit in der Verteilung auf die Einzelnen entspringt. Wer auch immer für diese Verteilung verantwortlich sei, der liebe Gott, die Sterne, eine böse Macht aus dem All, Politiker, Kapitalisten, Terroristen ... es sind immer die anderen, während jene, die darüber klagen, sich selbst als ohnmächtig hinstellen, um in einem Opfer-Täter-Verhältnis zweifellos zu unterliegen.

Statt diese Glaubenssätze zu hinterfragen, sie überhaupt als solche zu erkennen, werden sie durch das eigene Tun bestätigt: Das sich ohnmächtig fühlende Opfer sucht andere Opfer, um ihnen zu helfen, ihnen zu geben, was sie selbst gerne hätten, um jene bloßzustellen bzw. moralisch zu erniedrigen, die sich ihren Hilfsaktionen entziehen. Wer anders ist, wer anders denkt, als es die gepflegten Glaubenssätze erlauben, möge an allem Elend schuld sein. Denn kein Opfer-Täter-System kommt ohne Schuldige und Sündenböcke aus.

Die wertvollste Hilfe scheint mir deshalb zu sein, den Menschen vor Augen zu führen, dass es allein an ihnen selbst ist, ihr Denken zu reflektieren, hinterfragen und zu ändern mit allen damit verbundenen Konsequenzen.

Mein Anderssein mag anstößig wirken, warum diesen Anstoß nicht endlich sinnvoll nutzen, um dem eigenen Bewusstsein auf die Sprünge zu helfen?

Jutta Riedel-Henck, 30.12.2015

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Artikel aus der ZEIT vom 17.12.2015. Dazu schrieb ich bei Facebook den folgenden Kommentar:

Das empfinde und sehe ich schon lange so wie der Autor des Artikels mit der Empathie. Wobei ich die Unterscheidung zwischen Empathie und Mitgefühl wenig hilfreich finde, zumal hier Mitgefühl auch an manchen Stellen mit Mitleid gleichgesetzt wird, womit wir wieder beim Leiden sind. Helfen kann ich nur aus einer Position des Mich-gut-Fühlens heraus und nicht, wenn ich (mit)leide wie die anderen, die Hilfe wünschen.
Wie oft werden wir moralisch unter Druck gesetzt, wenn wir uns herausnehmen, es uns gutgehen zu lassen, während so viele andere Menschen leiden. Das empfinde ich als Aufforderung, sich von dem Leid anstecken zu lassen. Gesundheit und Frieden lassen sich aber nur leben und durchsetzen, wenn ich meinen Fokus auf eben diese positiven Zustände lenke, um auf diesem Wege ansteckende Gesundheit, ansteckenden Frieden, ansteckende Liebe zu leben. Das ist viel schwieriger und anstrengender als sich von allem Leid der Welt anstecken und hinreißen zu lassen und dann womöglich hysterisch mit einem Helfersyndrom die Welt retten zu wollen: Verschlimmbesserung.

»Empathie blendet uns«: http://www.zeit.de/2015/49/psychologie-empathie-terror-mitgefuehl-interview