Jutta Riedel-Henck

Ausreden

Die Menschen sind Meister im Ausreden-Suchen, wenn es schlicht und einfach nur darum geht, ihre eigenen wahrhaftigen Bedürfnisse durchzusetzen.

Sie werden eingeladen, wohin auch immer, haben im Grunde ihres Herzens keine Lust, der Einladung zu folgen, und grübeln, wie sie es höflich anstellen, die Einladung abzusagen.

Motiv der Ausredensuche im Vordergrund: Den Gastgeber nicht zu verletzen. Motiv im Hintergrund: Angst vor der inneren Courage, seinem wahren Selbst Ausdruck zu verleihen, d. h. authentisch zu sein.

Diese Art der Selbstverwahrlosung wird so weit getrieben, dass der Mensch erkrankt, um sich aus diesen und jenen Affären zu ziehen, die ihm im Innersten nicht behagen. Die Gunst der Zuneigung aller Gast- bzw. Arbeitgeber soll erhalten bleiben, das Selbst versteckt sich hinter Lügen, von denen der Mensch glaubt, dass sie den Belogenen imponieren.

Und das Spiel funktioniert. Wie ich tagtäglich beobachte und miterlebe.

Krankheit wird zur Waffe gegen all das, was der Mensch nicht will, ohne sich dem, was er nicht will, wahrhaft und konsequent zu entziehen. Er will bei Mama bleiben und zugleich frei sein. Er will genährt werden und zugleich abgenabelt. Er will geboren werden und zugleich ungeboren bleiben.

Dass diese Inkonsequenz in Leid, Kummer, Krankheit und Kriegen mündet, beruht auf dem Gesetz der Natur. Hier gibt es immer nur ein Ganz oder Gar-Nicht, eine Eins oder eine Null. Halbe Sachen existieren nicht. Wer sich für ein Doppelleben entscheidet bzw. Entscheidungen aufschiebt, wird sein Leben dem Gar-Nicht widmen, und hier herrschen alle das Leben verdrießlich machenden Mechanismen.

Das Leben ist einfach – wie auch die Gesetze des Universums. Das Leben in Lügen ist kompliziert, anstrengend und destruktiv.

Doch alles Anstrengende, Destruktive, Mühsame wurde in diesem künstlichen Konstrukt der Menschengesellschaft zum höchsten Wert erkoren, für das gelobt, anerkannt, gehuldigt und getätschelt wird, wenn auch diese Form der Anerkennung und Fürsorge sich als unbefriedigend erweisen muss.

Da ist der Perfektionist und schuftende Mensch, Mann wie Frau, der nie glücklich ist, wird er nun viel oder wenig gefeiert. Bringt der größte Perfektionismus ihm kein Glücksempfinden, versucht er, aus seinem Scheitern Gewinn zu schlagen, mit Erfolg. Wenn auch nicht im Sinne des Erfolges, den er sich insgeheim wünschte. Es genügt ihm schließlich, seine Nächsten, die das Spiel durchschaut haben, um sich ihm zu entziehen, bei jeder nur möglichen Gelegenheit spüren zu lassen, dass es ihm schlecht geht. Aufklärung bezüglich seines selbst geschaffenen Dramas, um die Krankheitsgeschichte umzuschreiben im Sinne von Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Gesundheit, wird ignoriert oder gar bekämpft. Und wehe, er begegnet dem Satz: „Du willst nicht gesund werden“! Dann hagelt es die alten bekannten Ausreden, die sich bei genauer Betrachtung widersprechen.

Wie geht man mit solchen Menschen um?

Ich befinde mich noch im Lernprozess. Doch eines hat mir bisher am meisten geholfen: Ich gönne ihnen die Freiheit, ihr Leben so und nicht anders zu gestalten, während ich mir selbst das Recht nehme und die Freiheit gönne, mein Leben so zu gestalten, wie es mir behagt.

Das funktioniert. Nicht immer und durchgehend, aber immer besser.

JRH, 12. August 2015