Jutta Riedel-Henck

Das verwahrloste Ich

Das freie Ich ist all das, was die unfreien Ichs meiden, indem sie ihr Ego durch unzählige und vor allem unkontrollierbare Bedingungen „kreieren“ (lassen), während sie selbst nur die Funktion eines Tüftlers einnehmen, mit Zahlenschiebepuzzle oder Zauberwürfel spielen, ohne den Rahmen des Vorhergegebenen zu sprengen, das Feld zu verlassen, das Dingliche aus der Hand zu legen bzw. ihm die Aufmerksamkeit zu entziehen.

Sie möchten sich zugehörig fühlen, sozial integriert, um ihr Ich-Gefühl durch ein Wir-Gefühl zu definieren. Das Wir-Ich weiß nicht um sein wahres Ich, das es nur über die Ausgrenzung erleidet, indem es sich als Einzelkämpfer gegen das vermeintlich Gem-einsame zu behaupten sucht, um an dieser selbst geschaffenen Polarität früher oder später zu scheitern.

Das wahre Ich trägt alles in sich. Das wahre Ich IST Gemeinsamkeit, weiß um das All-Einige, die Vergänglichkeit aller Formen, kämpft nicht für oder gegen etwas, bedarf keiner sozialen Integration oder Unterstützung, keiner Förderungen, Stipendien und Sonderberechtigungen, Gleichstellungsbeauftragten, Wohltätigkeitsorganisationen, Märtyrer, Gedenkveranstaltungen, Familien- oder Ersatzfamilien, Freundeskreise, Cliquen, Clans, Parteien, Religionen, Kirchen, Rechtsanwälte ... weil ihm schlicht NICHTS fehlt!

In dieser Welt, diesem Universum gibt es keine Vernichtung, Ausgrenzung, keinen Tod. Einzig der Mensch erschafft sich diese leidvollen Kriegsbilder, indem er sich an eben diesen orientiert, während sein wahres Ich im Unerkannten, Unbewussten verwahrlost.

 

aus: Freiheit (Arbeitstitel), Werk im Entstehen, Jutta Riedel-Henck, 20. Oktober 2018 bis ...