Jutta Riedel-Henck

Take Eighteen

„Du bist nur etwas wert, wenn du anderen dienst!“

            Wie kommst du darauf?

Dieser Satz kam mir gerade in den Sinn.

            Glaubst du das?

Nein, ich kämpfe mit diesem Glauben, der mich geprägt hat in meinem Selbstwertgefühl.

            Oder Selbstwertlosgefühl?

Richtig. Lernen wir Menschen nicht das, was als Narzissmus bezeichnet wird? Sich daran auszurichten, wie andere Menschen einen behandeln? Belohnen oder Bestrafen? Mit Zuneigung oder Abneigung?

            Geht es ohnedem?

Ich hoffe doch! Ich wünsche es mir zumindest.

            Wie würde so etwas aussehen?

Es bedarf eines Erkenntnisprozesses aller Beteiligten.

            Und der wäre?

Dass jegliche Enttäuschung durch andere nicht bestraft wird.

            Leicht gesagt.

Irgendein Ziel muss es geben, natürlich ist es leicht, sich Ziele zu stecken, wenn der Weg noch vor einem liegt.

            Vielleicht helfen Zwischen-Ziele, Etappen-Einheiten.

Mag sein, dennoch muss das große Ziel im Bewusstsein bleiben.

            Wie könnten die Etappen-Ziele lauten?

Atme tief durch, wenn du enttäuscht wurdest.

            Und weiter?

Lass deine Gefühle zu und übernehme die Verantwortung für sie.

             Was meinst du mit Verantwortung?

Erkenne, dass es immer und ausschließlich deine Gefühle sind unabhängig vom Auslöser.

            OK. Damit können viele nicht umgehen.

Eben deshalb müssen sie es lernen!

            Unterricht für die Pflichtschule?

Ja, warum nicht? Natürlich ohne Zensuren. Ob jemand es schafft, wann und wie, spricht für sich, dafür braucht es keine Noten.

            Wie mit allem anderen auch, alles spricht für sich.

Alles kann sich nur im Leben beweisen, in der Praxis.

            Diplom ade ...

Gerne!

            Wie geht es weiter?

Rückzug und Selbstbesinnung. Meditation.

            Das wird schwer.

Genau genommen gibt es diese Schritte bereits. Denn jene, die sich an ihren Mitmenschen vergangen haben, landen im Knast.

            Andere gehen freiwillig ins Kloster.

Ist nur die Frage, ob sie im Knast und im Kloster wirklich bewusst zu sich selbst geführt werden.

            Eher nicht, im Kloster gibt es gemeinschaftliche Vorschriften, im Knast andere Gesetze, in beiden Fällen werden die Menschen genötigt, sich weiterhin und mehr denn je einer vorgegebenen Struktur im Außen unterzuordnen.

Ein Teufelskreis.

            Knast und Kloster sind also keine Lösung.

Bisher nicht. Aber auch dort könnte es Schritte mit neuen Zielsetzungen geben.

            Ich weiß nicht ...

Ich auch nicht. Wissen ist das Ergebnis von Erfahrung. Sie will gelebt sein.

            Abenteuer Leben.

Eben!

            Haben wir doch?

Klar, aber Abenteuer bedürfen der Überraschungen, sonst werden sie langweilig.

            Bedarf eine Überraschung nicht der Enttäuschung?

Absolut!

            Dann haben wir den Bogen doch zum Ziel geführt.

Du meinst die Bestrafung von Enttäuschungen ad absurdum.

            Ja: Ein Widersinn, wenn der Abenteuerurlaub Erde um sein Abenteuer gebracht wird, weil es unter Strafe steht.

Wenn ich weiterdenke, ließe sich alles ad absurdum führen. Auch und vor allem meine hier niedergeschriebenen Gedanken. Denn bitte: Was meine ich mit Strafe?

            Gute Erkenntnis. Du kannst nie für andere sprechen.

Ich kann das Gefühl des Bestraftwordenseins ja umdeuten und nenne es schlicht Enttäuschung.

            Weiter gehts!

Die Enttäuschung öffnet mir eine Tür zu Neuem.

            Und dein Selbstwertgefühl gerät natürlicherweise immer ins Schwanken.

Stimmt. Ganz unabhängig von der Außenwelt.

            Abhängig ebenso.

Wie mans nimmt ...

            JRH, 28.9.2017