Jutta Riedel-Henck

Take Sixteen

     Du liest ein Buch über Narzissmus, dann weißt du doch jetzt endlich, was das ist?

Nein, nach wie vor weiß ich es nicht. Der Autor scheint es zu wissen. Er weiß, was gesunder und was kranker Narzissmus ist und dass kranker Narzissmus durch mangelnde Liebe in der Kindheit entsteht.

            Dann ist er sicher Psychotherapeut.

Natürlich. Da gibt es viel zu analysieren.

            Ja, wer so viel zu tun hat ...

Der hat viel zu tun.

            Und warum?

Jeder tut, was auch immer er tut, weil er glaubt, dass es ihm selbst damit besser ginge.

            Da wirst du Widerspruch ernten. Sie tun es doch alle für die anderen! Sonst wären sie egoistisch. Und böse.

Und kritisierbar.

            Sie müssten zu sich selbst stehen.

Eben. Sie dürften keine Narzissten sein.

            Was ist denn nun ein Narzisst?

Ich brauche dafür kein Buch, ich nenne sie schlicht Wir-Menschen und unterscheide nicht zwischen gesund und krank.

            Aber das Wir ist doch wunderbar sozial und auf Mitgefühl bedacht, also moralisch wertvoll.

Wenn das Wir sich aus Ichs zusammenfügen würde, ja.

            Tut es doch? Es gibt nur lauter Ichs, die Individuen.

Stimmt. Aber keine bewussten Ichs. Sie sind sich ihres Ichs, ihrer Eigenart nicht bewusst.

            Müssen sie das sein? Ich bleibt ich?

Niemand muss gar nichts.

            Was ist so verwerflich am Wir-Menschen?

Das zeigt sich von selbst. Wenn eine Gruppe nicht als Gruppe funktioniert, wenn es Streit gibt, Machtkämpfe, Krieg, Unzufriedenheiten, Unterdrückung, Ausbeutung ...

            Dann kämpfen die Ichs gegen das Wir.

Wohl wahr. Aber die Ichs benutzen andere Ichs, um ihr Ich zu stärken, somit bleibt es auch hier beim Wir und das Ich hat keine Chance zu gewinnen. Keines.

            Sie trauen sich nicht.

Was trauen sie sich nicht?

            Ich zu sein für sich allein.

Das würde bedeuten, sich selbst auf die Schliche zu kommen.

            Was wäre daran so schlimm?

Wer sich mit dem Wir identifiziert und die anderen braucht, um sich selbst zu mögen, das Leben zu mögen, der wird sich selbst nicht genügen wollen.

             Wollen oder können?

Die Therapeuten neigen oft zum Können und begründen es mit der ach so schweren Kindheit, der mangelnden Mutterliebe, bla bla bla.

            Dann muss halt ein Erzieher anrücken, der den Nichtkönnern Mut macht.

Gibts doch. Heute werde die Leute alle gecoacht.

            Also weiterhin WIR.

Eben.

            Was schlägst du vor?

Nichts. Ich hab keine Lust mehr.

            Verstehe.

Lass uns ein Eis essen.

            Gute Idee!

JRH, 9.8.2017