Jutta Riedel-Henck

Take One

Frau Riedel-Henck, was denken Sie gerade?

„Putziges Völkchen“

Schauen Sie TV?

Nein, das Leben bietet mir genug Filme.

Und wer ist das putzige Völkchen in diesem Leben?

Die Menschen.

Also ich weiß nicht, wenn man sich so umschaut, all die Gewalt …

Ja, all die Gewalt, auch und gerade die.

Das finden Sie lustig?

Nein, die Gewalt ist nicht lustig.

Was dann?

Dass die Menschen es selbst sind, die es sich so gewaltig schwer machen, um dann gewaltig darüber zu schimpfen.

Da ist was dran. Aber ist es nicht auch Schicksal?

Schicksal? Was soll das sein?

Dinge, die man nicht ändern kann, die einfach passieren.

Glauben Sie daran? Dass irgendetwas einfach so ohne jeglichen Grund passiert?

Nein, nicht wirklich. Zumindest suche ich gerne nach Ursachen.

Weil es beruhigt, nicht wahr?

Richtig. Wenn ich eine Ursache vermute, vermute ich auch eine Lösung für die Probleme.

So ist es. Ich glaube, dass sich alles ändern lässt.

Warum ändert sich dann oft nichts oder nur so wenig?

Weil die Menschen lieber an Schicksal glauben, um dann ständig zu beten, es möge gut für sie ausfallen oder besser.

Und an wen richten sich die Gebete?

Tja, wenn ich das wüsste. Ich glaube, sie meinen damit irgendeinen Gott, der alles in der Hand hätte.

Ach Gott.

Ja, ach Gott.

Seltsames Wort.

Gott. Vier Buchstaben. Die ersten zwei lauten go. Go: gehen.

Und was bedeuten die zwei t?

Sehen aus wie das Kreuz, an dem Jesus gestorben sein soll.

Stimmt, zwei Kreuze. Oder waren es drei?

Eigentlich nur eins pro Person.

Vielleicht gab es zwei Kreuze und zwei Jesusse.

Wer weiß … in einem weitsichtigen Buch las ich davon, dass es nicht Jesus selbst war, der am Kreuz gestorben ist, sondern sozusagen ein Double.

Stuntman.

Womit wir wieder beim Film wären. Es ging um die Inszenierung eines Dramas.

Es gibt wohl viele Bücher, die die einzig wahre Geschichte von Jesus zu dokumentieren glauben.

Allerdings. Aber mir ist es egal, wer nun was für wahr hält oder gelogen. Schließlich ist das alles Vergangenheit, und daran lässt sich ohnehin nichts mehr ändern.

Die Menschen leben aber gerne in der Vergangenheit.

Glauben sie, ja. Aber jeder kann immer nur in der Gegenwart leben, was anderes gibt es nicht. Zum Leben.

Und wie lebt es sich in der Vergangenheit?

Gar nicht.

Sehen deshalb so viele Historiker aus wie ausgehungerte Mumien?

Ha, ha … das gefällt mir.

Die Mumien?

Nein, die sind langweilig. Das Bild. Vielleicht könnte man die Kulisse als Bibliothek gestalten mit schummerigem Licht ohne Fenster.

Und dann passiert ein Mord!

Nee, nicht wirklich. Nur in den Köpfen. Wir setzen in die Köpfe kleine Bildschirme und lassen dort die Filme abspielen.

OK, lass uns anfangen.

Jutta Riedel-Henck, 11. März 2017