Jutta Riedel-Henck

Ego-Tam-Tam

Ich mag nicht mehr. D. h. ich mag kaum mehr lesen, was andere schreiben über Egoismus, Narzissmus oder gar Liebe.

Narzissmus wird mit Egoismus gleichgesetzt. Egoismus gilt als böse. Die Egolosigkeit als heilig und menschenfreundlich, womöglich gar Basis von bedingungsloser Liebe oder Hingabe.

Ich mag Egoisten. Für mich ist der Egoismus eine Voraussetzung für Leben, Liebe und Gelingen jeglicher Mitmenschlichkeit. Das einfache Wort ich: Ich mag es. Ich mag Menschen, die wissen, was sie wollen und was nicht, ich mag Menschen, die von sich selbst sprechen, wenn sie etwas wünschen, die sich nicht hinter der Maske des Du oder Ihr oder Wir verstecken, während auch sie nur ich sein können, um alles, was sie tun, aus nur einem Grund zu tun: Damit es ihnen selbst gut geht!

Ich mag Menschen, die etwas für sich selbst tun, die für sich selbst sorgen, die auf sich selbst achten, die gut mit sich selbst sind, die sich selbst mögen, sich selbst lieben, zu sich selbst stehen, sich selbst in die Augen schauen können: im Spiegel.

Ich mag Menschen, die aus sich selbst heraus aufrecht stehen, gehen und sitzen, die wissen, wer sie selbst sind – und vor allem: wer nicht! Die unterscheiden zwischen Ich und Du, weil sie wissen, dass sie Ich sind – und nicht Du. Ich mag Menschen, die sich nicht im Helfen am Du, am Ihr oder gar der Menschheit vergehen, während es um ihr Ich geht, das sich nur wohl fühlt, wenn die Welt ihnen Wohlsein spiegelt. Denn das, genau DAS ist Narzissmus: Das Ich durch das Du zu definieren, das Du verantwortlich zu machen für das Ich, die Abhängigkeit von der Außenwelt, dem Du, dem Ihr, dem „alle Welt“. Narzissmus ist die Verweigerung der Anerkennung des eigenen unverwechselbaren Ichs, der Individualität, der Eigenart, der Ein-sam-keit, durch Sinnlichkeit, innere Einkehr, Selbsterkenntnis, Selbstreflexion: Liebe.

Wer sich selbst nicht liebt, wie sollte er die Welt lieben oder gar retten können? Mal abgesehen davon, dass niemand geliebt werden muss, um sich selbst zu lieben. Niemand muss überhaupt geliebt werden, um zu lieben, denn Liebe ist nichts, was jemand einem anderen antun kann, soll oder muss, Liebe ist wie die Luft ein Selbstverständnis, ohne das wir gar nicht leben, nicht denken, somit auch nicht über all das nachdenken könnten.

Und all die grässlichen Kriege im Kleinen wie im Großen? Warum existieren sie dann? Als Folge des Glaubens, Liebe sei etwas, das Menschen sich verdienen müssten, als Ausdruck einer Lüge.

Die Wahrheit wäre ohne Lüge keine Wahrheit. Zur Erkenntnis gehört das Gegenteil. Doch scheinen viele Menschen verliebt zu sein in die Gegenteile – im wahrsten Sinne des Wortes. Da ist die Rede von den „besseren Hälften“, von Topf und Deckel, von Teilen, die einander suchten und brauchen, von Zwillingsseelen. Verliebte glauben an die Liebe durch die Abhängigkeit an Teile, die ihnen selbst angeblich fehlen. Das Angebot ist reichhaltig an Teilen in dieser Welt, worin sich die Suchenden vergucken können, um sie eine Weile festzuhalten, dann ganz gerne, wenn auch heimlich, fallen zu lassen, bis hin zum unterdrückten Hass, da das Entlieben weniger Anerkennung findet. Und Anerkennung ist den Narzissten wichtig. So dreht sich alles im Kreis bzw. in vielen Kreisen (man bedarf ja der Abwechslung).

Was ist das überhaupt, sich selbst lieben? Was ist ein Ich? Wie erziehe ich mein Kind zu einem gesunden Ich? Die Fülle an Ratgebern unter den Ratlosen ist bereits Ausdruck des als Norm geltenden Narzissmus, wo am Ende alles als Egoismus abgetan wird, um es zu bekämpfen. Und schon sind wir bei den Egolosen. Das sind die Heiligen. Die Buddhas, Jesusse und Marias. Das Ego muss geopfert werden! Wofür eigentlich? Für die anderen Egos? Damit sie sich besser fühlen? Schuld, Opfer, geben, nehmen, Konkurrenz. Sehr heilig bzw. unheilig, Unheil stiftend.

Es könnte ja nicht genug für alle da sein. Die einen bekommen mehr als die anderen. Wovon nur? Und warum? Wer ist für diese Ungerechtigkeit verantwortlich?

Verantwortlich und schuldig sind immer die anderen, und die anderen sind immer die Bösen. Die Guten sind die Opfer, die Bösen die Täter. Die Guten sind die armen schwachen Egos, gut, die Egolosen, also die Ego-Looser, die Bösen sind die starken Egoisten, die sich rausnehmen, zum Buffet zu gehen, um sich etwas Leckeres auf den Teller zu legen und es dann, was für eine bodenlose Unverschämtheit: zu essen! Und noch schlimmer: zu genießen! Die holen sich sogar noch einen Nachschlag, weil es so köstlich schmeckte!

Die Guten stehen hungernd dabei und nehmen sich höchstens ein Salatblatt. Während sie denken: Dieses Arschloch, Teller voll, nimmt keine Rücksicht auf die anderen, statt mal zu fragen, ob das Essen dann noch reicht für den Rest der Gesellschaft!

Nein, das muss er gar nicht fragen, der böse Egoist, weil ja die Guten ohnehin nur ein Salatblatt pro Portion zu sich nehmen. Dass ihr Magen knurrt, überhören sie ebenso wie die anderen Signale ihres abgemagerten Körpers. Dann werden sie krank. Und Schuld ist selbstverständlich dieser Egofresser! Der sich den Teller füllte.

Lassen wir mal das Schuldgelabere beiseite und nennen es einfach Verantwortung. Wer sich selbst nicht ernst nimmt, sich selbst nicht zuhört, um jene zu beklagen, die ihrem Hungerbedürfnis folgen, wie soll der jemals satt werden und sich damit wohl fühlen?

Nun ja. Ich will das gar nicht weiter vertiefen, da es mich ein wenig langweilt. Ich habe dieses Thema in meinem Leben so oft durchgekaut, bin so unendlich vielen Menschen begegnet, die in ihrer Verantwortungslosigkeit für das eigene Wohlergehen ihren Lebenssinn gefunden haben, um beharrlich und verbissen daran festzuhalten, dass ich keinerlei Lösungsvorschläge anzubieten habe.

Sie meinen, dass ich ganz schön selbstbezogen bin, weil ich nichts zu bieten hätte für all die armen Egolosen? Ja, das bin ich. Denn all meine Versuche, mich auf die Egolosen zu beziehen, also alle Fremdbezogenheit, hatte nur eines zur Folge: Dass auch ICH mich schlecht fühlte! Was aber nichts zu einer Verbesserung des Zustandes der armen Egolosen beitrug. Ansteckende Schlechtigkeit, nichts weiter.

Dazu habe ich keine Lust. Meine Selbstbezogenheit schadet niemand. Die Egolosen schaden ausschließlich sich selbst: durch sich selbst. Und nur sie selbst können ihre Egos als Egos anerkennen, statt sie zu verachten. Es bringt ja auch nichts: Ego ist und bleibt Ego! Jeder ist ein Ego! Ausnahmslos! Niemand wäre lebensfähig ohne Ego! Wenn das auch manch einer behaupten mag. Tut mir nicht Leid: Wer das behauptet, lügt.

Alles ist ganz einfach. Nur wer etwas zu verbergen sucht, was er nicht erkennen will, liebt das Komplizierte. Oh je ... und was fürn Stress das macht ...

Jutta Riedel-Henck, 29. Oktober 2016