Jutta Riedel-Henck

Dumm gelaufen

Frohe Sabo Tage

Ich habe in meinem Leben noch nie einen wahrhaft dummen Menschen getroffen. In jeder physischen Erscheinung schwingt eine alte Seele, die sich leicht herausspüren lässt.

Wohl aber kenne ich Menschen, die sich dumm und taub stellen, um die Intention ihres Handelns mit hoher Intelligenz zu verbergen und leugnen, so sehr, dass sie selbst daran glauben und in einer damit eigens erschaffenen Rolle verharren, die ihnen unausweichlich zur Falle wird mit der heilsamen Folge eines Ruins. Keine Seele stirbt jemals, keine Seele geht jemals verloren, keine Seele erleidet einen Ruin. Ruiniert ist nur das Bild, welches der Rollenschöpfer von sich gemalt und gepflegt hat.

Und dieses wird nicht nur bis „aufs Blut“ verteidigt, es wird immer wieder nach den alten Plänen aufgebaut, um es, wenn es sein muss, mit aller Gewalt durchzusetzen.

Für die einzelnen Schritte des Wiederaufbaus tritt der Rollenspieler gerne zurück, gibt sich friedlich und verständnisvoll. Das sind auch die Momente, da ich sehr genau beobachten kann, wie gut er zu verstehen, hören und sehen vermag. Bis sein altes Gebäude wieder steht. Sogleich fühlt er sich sicher und behaglich und geschützt, um die Bereitschaft des Zuhörens und Lernens zu beenden. „Ich will dich nicht verstehen!“ – Diese eindeutigen Worte habe ich heute als Antwort erhalten. Im Brüllton.

Damit kann ich gut umgehen. Es ändert ja nichts daran, dass ich sehr wohl verstehe und verstehen will, warum Menschen sich so verhalten. Und dass ich verstehe, dass sie nicht verstehen wollen, was ich verstanden habe.

Im Grunde ein albernes Spiel.

Manchmal frage ich mich, wer mag das hier wohl lesen? Ja, ich wünsche mir sogar, es möge an Menschen gelangen, die ihrerseits in die Angelegenheiten des Nicht-Verstehen-Wollenden gezogen wurden, um ihre große Hilfsbereitschaft zu überdenken bzw. sich zu fragen, ob es ihrer eigenen Intention entspricht, ein solches Verhalten zu fördern. Denn zur großen Kunst des Nicht-Verstehen-Wollenden gehört die selbst erlernte Hilflosigkeit, die in Außenstehenden mütterliche Gefühle weckt, um das „Kind“ zu retten. Was leider dazu führt, dem Erhalt der Hilflosigkeit durch die damit gewonnene Aufmerksamkeit Energie zu schenken.

Es gibt keine dummen Seelen. Und da jeder Mensch beseelt ist, gibt es auch keine dummen Menschen. Doch die Dummheit, so scheint mir, bereitet vielen Menschen große Freude. Das sei ihnen gegönnt.

Ich teile diese Freude allerdings nicht. Deshalb mache ich auch weiterhin und hingabevoll von meinem Verstand regen Gebrauch.

Jutta Riedel-Henck, 28. März 2018

 

"Ein [...] Phänomen [...] waren die Wutanfälle des Verlierers. [...] Mit sicherem Gespür für Dramatik ließ er sich wie ein fauler Apfel vom Baum fallen und wälzte sich kreischend und strampelnd am Boden [...]. Hatte sich Yeroen dann wieder einigermaßen gefasst, lief er schreiend zu den weiblichen Gruppenmitgliedern, warf sich einige Meter vor ihnen auf den Boden und streckte ihnen beide Hände entgegen. [...] Versagten sie ihm ihren Beistand oder gingen sie ihm gar aus dem Weg, erlitt er den nächsten Anfall, verlor jegliche Kontrolle über seine Muskeln und zappelte unter erbärmlichem Geschrei wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Ganz anders dagegen verhielt er sich, wenn ihm die Affenfrauen Hilfe gewährten. In diesem Fall sprang er sofort auf, umarmte sie und wandte sich, die Weiber dicht auf den Fersen, gegen seinen Rivalen.

[...]

Das Interessante an diesen Wutausbrüchen war, dass Yeroen im reifen Mannesalter von dreißig in ein kindliches oder zutreffender kindisches Verhalten verfiel, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und Sympathie zu erwecken. Normalerweise nämlich sind solche Anfälle bei Kindern zu beobachten, die entwöhnt werden sollen."

aus: Frans de Waal. Unsere haarigen Vettern: Neueste Erfahrungen mit Schimpansen. München, Harnack Verlag, 1983, S. 109-110.