Jutta Riedel-Henck

Schein-Ehe

Wie viele Schein-Ehen mag es geben? Ich meine nicht jene, die bei Unterzeichnung des Trau-Scheines dem ausschließlichen Zweck dienen, rechtliche Vorteile aus der Eheschließung zu ziehen, sondern solche, die sich im Laufe der Jahre als Schein entpuppen bezüglich enttäuschter Illusionen der verheirateten Partner, um nach außen weiterhin den Schein harmonischer Partnerschaft zu pflegen.

Wer einmal ja gesagt und noch dazu unterschrieben hat, bleibt ein Leben lang Ehe-Mann oder Frau, auch nach Trennung und Scheidung. Die Frage nach dem Beziehungsstatus beschäftigt nicht nur Facebook-User. Auch Wikipedia hält solche Informationen bereit. Oder die Betroffenen selbst.

Den Schein einer harmonischen Partnerschaft pflege ich nicht. Ich gehe meinen eigenen Weg und empfinde mich schon lange als Solistin bzw. „Single“, ein gemeinsames, kooperatives Zusammenleben ist mir mit meinem Schein-Ehemann nicht möglich, meine Rolle besteht lediglich darin, wie eine Mutter für einen Menschen zu sorgen, der es vorgezogen hat, sich in Krankheiten zu flüchten und diese als Rechtfertigung für alles in den Raum zu stellen, was er nicht kann oder will, um es als Hilfsdienst einzufordern.

Ich bin also eine getrennt lebende Schein-Ehe-Frau und allein erziehende Mutter eines nicht erwachsen werden wollenden Mannes, der alles in seiner Macht Stehende unternimmt, um seine Abnabelung und Emanzipation zu verhindern, zugleich das unumstrittene Recht einfordernd, seinen Willen gegen alle, insbesondere mich, durchzusetzen und mich in seine Dienste zu stellen.

In Trotzphase oder Pubertät zurückgefallen, kann von einer Partnerschaft keine Rede sein. Ein Mensch, der nicht erzogen werden will, stattdessen laut wird und brüllt, mit Gegenständen wirft, wenn er auf eine Frau trifft, die ihm unmissverständlich vor Augen hält, dass sie dieses Verhalten nicht mitzutragen bereit ist, sollte mit sich allein gelassen werden, um Verantwortung zu übernehmen für das eigene Leben. Erst dann ist er reif für eine Partnerschaft, in der sich die Individuen gleichberechtigt begegnen und das Anderssein des Gegenübers nicht als Angriff oder Beleidigung, sondern Bereicherung und Herausforderung für persönliches Wachstum annehmen.

Ich habe gelernt, trotz unzähliger Angriffe, Erniedrigungen und Beleidigungen mir selbst treu zu bleiben und stets von Neuem zu mir zurückzufinden, mich meinem Selbst zu widmen und ungeachtet der Meinungen Außenstehender ins Leben zu bringen und durchzusetzen, um trotz „unglücklicher“ Schein-Ehe ein glückliches Leben zu führen – für mich.

Es war nie meine Absicht, einen anderen Menschen zu erziehen. Lehren kann ich nur, indem ich lebe, was ich wertvoll und richtig finde.

Manchmal finde ich es bemerkenswert, dass ein Mann, der seit mehr als 27 Jahren die Möglichkeit hatte, mich kennen zu lernen, keinerlei Interesse daran zu haben scheint, sich stattdessen in Büchern, Texten und E-Mail-Korrespondenzen verausgabt, um meine Dienste nur für die Reparatur seines Computers in Anspruch zu nehmen und anderer real greifbarer Tätigkeiten rund um den häuslichen Alltag. Wirke ich dabei zu klug und weise, laufe ich Gefahr, als überheblich beschimpft zu werden, um es nur darauf anzulegen, meine Macht zu missbrauchen.

Emanzipierte Frauen darf es nur in der Literatur oder musikwissenschaftlichen Forschungsarbeiten geben, nicht real konkret im eigenen Haus. Klug und weise durfte ich sein, wenn ich als Beraterin im Umgang mit anderen Personen und damit verbundenen Problemen fungierte. Steht man(n) selbst im Lichte der kritischen Aufmerksamkeit, erhalte ich die Etikette „freches Weib“ und „nichts als Dreck“.

Warum ich das hier schreibe und veröffentliche? Weil ich die Emanzipation eines jeden Menschen für den einzigen Weg halte, um Frieden zu schaffen und echte Liebe zu leben. Ich möchte mich nicht an der Pflege falscher Bilder beteiligen, der Aufrechterhaltung von Lügen und Projektionen destruktiver Art, zu denen ich insbesondere jene zähle, im Status Ehe-Frau einen Menschen zu sehen, der sich aufopferungsvoll um den Mann zu kümmern hätte, sein Wohlbefinden, seine Gesundheit, seine Grundbedürfnisse, sein öffentliches Ansehen, seinen Stolz, die Rolle einer heiligen Mutter zugetragen zu bekommen, um ihr jegliches Recht an Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit abzusprechen insbesondere dann, wenn der Mann infolge eigener Blindheit und Verdrängungen scheitert, ohne Bereitschaft, aus selbst begangenen Fehlern zu lernen.

Jutta Riedel-Henck, 30./31.12.2017