Heute Abend folgte ich einem Impuls und suchte nach dem „großen Zapfenstreich“, um mich spontan in die Liveübertragung zu klicken. Dort saß Frau Merkel auf einem Stuhl, die Füße überkreuzt, mit einem ernsten und ängstlichen Gesichtsausdruck.

Der große Zapfenstreich gälte als höchste Würdigung, feierlichstes Zeremoniell deutscher Militärmusik, las ich dazu in einem Pressetext.

Eine Feier? Würdigung? Frau Merkel wirkte bedrückt, sie machte auf mich den Eindruck eines gedemütigten kleinen Mädchens, das von seinen Eltern verlassen einer Horde fremder Männer ausgeliefert ist, deren starren Blicke sie zu töten vermochten.

Dann wurden auf Appell die Helme von den Köpfen gezogen vor die Brust gehalten, „Helm ab zum Gebet“, und der Kommandierer trat vor die nun ebenfalls stehende Angela, deren Ausstrahlung mich an eine Szene aus früheren Jahren erinnerte, wo sie während einer öffentlichen Zeremonie mit einer Panikattacke zu kämpfen hatte.

Die Musik erklang, der Mann vor ihr schaute regungslos auf ihr Gesicht. Ein Schauder strahlte aus ihrer gesamten Haltung, ihren Augen, ihrer Mimik … als ob sie in jedem Moment damit rechnete, erschossen zu werden. Der Kampf mit ihrem Gewissen? Mit dem Bild eines strafenden Gottes?

Wie erleichtert sie wirkte, als alles vorbei war! Lächelnd zog sie eine rote Rose aus einem großen Strauß … bevor sie in die schwarze Limousine stieg, durch das Fenster winkte, als verabschiedete sie sich von ihrem Papa, für den sie alles getan hat, was er sich von ihr wünschte. Braves, folgsames Mädchen.

Eine traurige Geschichte.

Jutta Riedel-Henck, 2.12.2021