Es gibt keine Lehre, die jedem Einzelnen die Suche nach seinem Weg abnimmt. Und nicht jeder Suchende bedarf einer Lehre, eines Lehrers oder Wegweisers. Hinweise können sich ebenso gut aus dem Alltag ergeben, ohne dass ich mich an einem »Meister« orientiere.

Ich bin ein Mensch, der sich in erster Linie nichts von einem anderen Menschen sagen lassen möchte. Ratschlägen, Anleitungen, Ideologien begegne ich mit großem Unbehagen, einer tief sitzenden Abscheu, Vorstellungen, die ich nicht aus eigener Erfahrung entwickelt habe, bedeuten mir einen Zustand von Krankheit und Unvollständigkeit, so dass ich all meine Energie dafür einsetze, aus dem Leben heraus zu begreifen, statt mich an den Bildern meiner Umgebung zu orientieren.

Fahre ich zum Beispiel mit dem Auto in eine fremde Stadt, passiert es leicht, dass ich mich durch Orientierung an einem Stadtplan verfahre, während ich mit etwas Mut zum »Draufgängertum« häufig den richtigen Weg einschlage, ohne mich eingehend im Geiste vorzubereiten. Noch schwieriger empfinde ich die Einmischung von Beifahrern, auch Erklärungen von vorübergehenden Passanten bewirken eher, dass ich erst auf großen Umwegen ans Ziel gelange.

In unserer Welt, besetzt und durchwachsen von Hinweisschildern, aufgepfropften Regeln, der Vorstellung und ihrer Darstellung durch Bildträger und -vermittler, bedarf es einer starken inneren Kraft, dem reichen Angebot an geistigen Lehren zu widerstehen. Dafür fehlt es den meisten denkenden Menschen unseres Kulturkreises an praktischer Übung.

»Du meinst das doch gar nicht so!«, sprach eine Kinderkrankenschwester zu einem schreienden Baby auf der Säuglingsstation, um es zu beruhigen. Empört berichtete ich meiner Zimmernachbarin, einer jungen Mutter, von dieser Bemerkung, woraufhin sie in beschwichtigendem Tonfall antwortete: »Das meint sie ja nicht so«.

»Ich habe es nicht so gemeint« ist ein Satz, der mir häufig zu Ohren kommt, wenn ich einem Gesprächspartner widerspreche. Das Bestreben, verbale Sprache auf beliebige Weise auszulegen, um keinen festen Standpunkt einzunehmen, erschreckt mich tagtäglich von Neuem.

Unser Umgang mit Sprache, gleich welcher Art, erscheint mir wie ein Gleichnis des irrenden Menschen auf der Suche nach Halt und Geborgenheit.

Ich sage etwas, meine es aber nicht so. Ich spreche, ohne eine eigene Meinung zu haben, als sei ich ein Werkzeug, eine Marionette. Solange ich nicht auf Widerspruch stoße, kann ich die Meinung vertreten, mich daran festhalten, vielleicht sogar erhöhen. Sobald ich aber auf dem entgegenwirkende Meinungen treffe, gerät mein angenommenes und eingeübtes Meinungsgebäude ins Schwanken.

»Aber das hat mir so noch niemand gesagt, da bist du die Erste!« Manch einer behauptet dies in vorwurfsvollem Tonfall, um sich mit dem massenhaften Auftreten der von ihm dargebotenen Meinung zu verbünden und mich herauszufordern, meine Meinung in Frage zu stellen. Die Masse zählt mehr als ein Individuum, ein eigenartiges Wesen.

Selten ist es mir gelungen, meine Meinung zu verwerfen. Vielmehr habe ich sie gelockert, bereichert, erweitert, variiert, aber im Grunde meines Wesens fand ich mich damit sehr gut zurecht, während die Massenmeinungsträger fähig sind, massenhafte Kehrtwendungen zu vollziehen, etwa zur Zeit des Nationalsozialismus, vorher und nachher.

Die Kraft der Masse, der Quantität, kann bewirken, dass jede Art von Auslegung möglich wird, so grotesk es dem wachen Beobachter auch scheinen mag. Das Wort gilt nicht mehr, sondern weniger als seine Auslegung. Die Bürokratie im deutschen Staat ist Ausdruck dieser Not, um zugleich ein Beispiel zu bieten, wie wenig niedergeschriebene Gesetze bewirken, so ausgeklügelt und umfassend sie berechnet sein mögen.

Ich bin die Tochter eines geistig sehr regen Vaters. Mein Leben ist geprägt von der Herausforderung, den Geist am Leben zu orientieren bzw. das Leben am Geist, beides miteinander zu vereinbaren, ohne dabei krank zu werden. Im Geiste sind wir immer schneller als in der greifbaren Materie. Die greifbare Materie jedoch ist stärker als der Geist.

Durch die Auseinandersetzung mit meinem Vater war ich stets gefordert, meinen Geist zu nutzen und die Materie zu vernachlässigen. Der Einfluss meiner Mutter passierte jedoch im seelischen Bereich, von dem ich mich abgrenzen musste, um als Eigenwesen zu existieren. Zwischen zwei Extremen hin- und hergerissen lernte ich, mich in einem ungeheuren Tempo zu bewegen, Denken und Fühlen in Einklang zu bringen, um mit der greifbaren Materie in Kontakt zu bleiben. Seelisch war ich meinem Vater im Tempo weit voraus, geistig meiner Mutter. Beides zusammen befähigte mich, unabhängig von Vater und Mutter zu existieren, ihrer Macht zu entfliehen und meinen eigenen Weg zu gehen.

Weder mein Vater noch meine Mutter war damit einverstanden. Von meinem Vater erfuhr ich nur so lange Zuspruch, da ich meine seelischen an seinen geistigen Regungen ausrichtete, ihm zu dienen, in seinen Fähigkeiten zu bereichern. Meiner Mutter hatte ich mein geistiges Tempo anzupassen. So wirkte ich als Vermittlerin zwischen Vater und Mutter, die ohne mich wohl kaum miteinander zurechtgekommen wären.

»Wir bleiben nur der Kinder wegen zusammen«, heißt es oft, wenn Ehepartner ihre Trennung hinauszögern. Ebenso könnten sie sagen: »Wir haben unsere Kinder, damit wir zusammenbleiben können.«

So oder so: Meine ererbte Vermittlerrolle bestimmt mein gesamtes Leben, gestern, heute, morgen. Das Missverhältnis von Geist und Seele, präsentiert durch die Unvereinbarkeit von Vater und Mutter, hat mich geprägt, wurde mir zum Schicksal.

 

aus: "Kind und Schicksal" von Jutta Riedel-Henck, 22. Mai – 13. Juni 1999