Ich vermisse nichts. Wie betäubt liege ich da und will alles vergessen, was mich bewegt, vor- oder zurückzudenken, abzulenken von dem, was ist, jetzt, immer nur jetzt, wann sonst? Morgen? Das Morgen kenne ich nicht. Nur die Sorgen, die es mir bereitet, wenn ich es aus dem zu schöpfen suche, was ich gespeichert habe in meinem Hirn: Bilder, Rechnungen, Ermahnungen, Drohungen, Erinnerungen an Menschen, die etwas von mir wollen, gegen mich wollen, die wollen und wollen, bedürftig, dass ich etwas zu tun hätte, zu bieten, ihnen als Objekt zu dienen, ihr Leben zu bereichern, gebraucht zu werden – missbraucht.

Ich werde erpresst. Seit ich in diese Welt geboren wurde. Wie eine Prostituierte, die auf jegliche Bezahlung verzichtet, damit die Liebe, die wahre, eine Chance hat, Funken zu schlagen.

Jeder Funke wird zertreten. Getrieben von Süchten, Sehnsüchten latschen die Menschen blind auf die kleinen Lichter, Staub der Sterne, erhobenen Hauptes. So viel Hass. Verborgen.

Zeit gibt es nicht. Nur das Jetzt. Aus dem wir die Zeit gestalten, an die wir glauben. Das Morgen. Genährt aus dem Gestern. Was tun wir jetzt? Neues schaffen? Wahrhaft Neues? Völlig Unbekanntes? Wenn wir mit allem verbunden sind, immer schon waren und bleiben, ewige Seelen, ohne Anfang, ohne Ende, kein Urknall, keine Vernichtung, kein Nein, nur Ja, ein Ja neben dem anderen, Wachstum ohne Grenzen, können wir dann wahrhaft Neues schaffen? Woher kommt es, das Neue? Ist das Neue das Alte, das ich wiederfinde im Licht der Sterne, wenn ich mich in der Einsamkeit den fordernden Projektionen meiner Mitmenschen entziehe, ihren Funken tötenden Gedanken?

Ich wohne in einem Haus, das mir laut rechtlicher Betreuerin meines Mannes nicht zusteht, der im Grundbuch als alleiniger Besitzer aufgeführt ist. Was für ein Mensch. Diese Frau. Eine Meisterin im Funkenzertreten. Frauen können das besonders gut. Warum nur? Viele Menschen habe ich erlebt, überlebt. In dem Glauben, schlimmer könne es nicht werden, bewahrte ich meinen letzten Funken als Samenkorn für das Neue, das es irgendwo geben musste, im Nirgendwo.

Um einen irdischen Körper zu bewohnen, so lernte ich, muss ich bezahlen, den Preis bestimmen jene, die vor mir da waren. Die Nachkommen sind Sklaven: Ihr Kinderlein, kommet.

Wollen sie das hören? Die Eltern, die Väter, die Mütter, die Lehrer und Lehrerinnen? Nein, für die Kinder nur das Beste. Sie werden umsorgt, verhätschelt, erzogen und verzogen, an- und ausgezogen, vor- und weggezogen, umgezogen, entzogen, dem Sorgerecht sei Dank. Recht auf Sorge. Versorgt mit Sorgen. Verseucht mit Schuldgefühlen. Bezahlen, um zu leben. Eine Rechnung zu begleichen, deren Summe in den Sternen steht. Und noch nicht einmal da. Endlos, grenzenlos die Kosten, Schulden, um zu leben im Dienste der Vorfahren, die selbst als Sklaven geboren wurden.

Ein Staffellauf der Generationen.

In Teufelskreisen.

Nun ist die Zeit der Ernte. Für alle. Früchte des Bösen. Geimpft mit Lügen, um die Wahrheit zu erkennen.

Jutta Riedel-Henck, 16.3.2021